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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-04-01 · Heft 4 (1.4.1884) · p. Seite 75

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 4 (1.4.1884)
Date
1884-04-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 / Ein Licht Gottes ist zunächst die Freiheit. Das Gefühl der Freiheit, das hatte Israel noch nie gekannt, noch nie empfunden, als bis einst an diesem Tage der Ruf der Erlösung in seiner Mitte erklang und an diesem Frühlingsfeste, das aller Welt die Botschaft der schöpferischen Gnade Gottes verkündet, auch ihm der harte rauhe Winter vergangen war, in welchem nie ein erwärmender Hauch der Menschenliebe, nie ein milder Lichtstrahl der Barmherzigkeit es erquickt hatte. Auch für Israel war ein Frühling erstanden, der es aus seiner Erstarrung wachrief, es aus seiner Gedrücktheit und Verkümmerung emporhob und den Blütenkranz einer nie verwelkenden Jugend ihm auf das Haupt setzte. Und diese seine Freiheit, in deren Besitz Israel sich so beglückt fühlte und durch die es gleichsam sich selbst wieder gegeben wurde, nachdem ihm Alles, ja das letzte, woran der Mensch noch festhält, der freie Wille, das Recht der Selbstbestimmung genommen worden war, — nicht aus der Hand der Menschen hat es sie empfangen, sondern aus der Hand Gottes. Und da hat auch die Freiheit, wie wir sie danach zn verstehen haben, einen tieferen Gehalt, einen edleren Wert, eine höhere Bedeutung. Wenn es nur die Gunst des Zufalls gewesen wäre, der Israel seine Erlösung verdankte, nicht hätte es mit Vertrauen aus seine Freiheit Hinblicken können, denn wie leicht schlägt diese Gunst in Ungunst um und wer will die Launen des Zufalls berechnen? Auch würde es keineswegs zu sicheren Hoffnungen für die Zukunft berechtigen, wenn es nichts mehr als die milde und menschenfreundliche Gesinnung eines ägyptischen Herrschers gewesen wäre, durch welche unseren Vorfahren ein besseres Los bereitet wurde, denn der Wille eines Herrschers! je unbeschränkter dieser Wille ist, desto lenksamer ist er und wer kann es wissen, ob er nicht dem stärkeren Einflüsse, der auf ihn ausgeübt wird, nachgiebt, ganz entgegen der Neigung und Richtung, die er ursprünglich in sich trug? Wollten wir noch endlich sagen, daß es nur die Not des Augenblicks gewesen, die den gewaltigen Aegypterkönig dazu gezwungen hat, das bedrängte, der rohesten Willkühr preisgegebene Israel in das ihm gebührende Recht einzusetzen, so würden wir auch einer auf diesem Wege erlangten Freiheit uns nicht rühmen, auch nicht für die Dauer uns ihrer erfreuen könneir, denn das Rad des Geschickes rollt unaufhörlich auf dem Pfade der Zeiten dahin, und was der heutige Tag uns bringt, das kann der morgige wieder von uns nehmen. Wahrhaft frei sind wir erst daun, wenn wir den Glauben an die Freiheit haben und diesen Glauben haben wir nicht eher, als bis wir von ihr ein von Gott uns verliehenes Recht erkennen, eine Gabe, die der himmlische Schöpfer uns zugeteilt, ein für die Ewigkeit bestehendes Gesetz, das in der Geschichte der Menschheit immer mehr zur Geltuug und Anerkennung gelangen muß. So wie der Frühling nicht ausbleiben kann, lehrt uns das Pesachfest, auch wenn der Winter noch so lange gewährt, noch so hohe Eismassen emporgetürmt hatte, und in der Erde die Kraft nie erstirbt, die neues Wachstum über die Gefilde ausbreitet, so kann auch da, wo Gedrückte seufzen und Bedrängte klagen, die Freiheit nicht ausbleiben, auch wenn der Druck noch so schwer auf ihnen lastet und das Elend noch so lange anhält, denn der Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit stirbt nicht. „Siehe, es schläft nicht und schlummert nicht der treue Hüter, der auch in den Nächten wacht", ruft Israel der nach Erlösung ringenden Menschheit zu. Der Glaube an die Freiheit, die Erkenntnis, daß da, wo sie von den Menschen gekränkt wird, doch der allmächtige Gott für sie kämpft und ihr Sieg daher ein sicherer und unausbleiblicher ist, ist das Licht, das an diesem Erlösungsmorgen unserer Geschichte uns aufgegangen ist und in diesem Lichte wollen wir wandeln und fortschreiten. 7*

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