Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1884)
- Date
- 1884-04-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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tenden Blick hinlenke», immer dieselbe Erscheinung, die sich uns darbietet, derselbe Wechsel der Geschicke, oft gar nicht einmal durch allmäligen Uebergang vermittelt, den wir da gewahren uitb erkennen. Es ist da immer zuerst ein Heller und danil ein dunkler Ring, die in der Kette der Ereignisse sich aneinander reihen, zuerst ein finsterer und nachher ein lichter Zug, die in den Geschichtsbildern unserer Vergangenheit sich einander zugesellen und Verfolgung und Errettung, das sind gleichsam die Wachposten, die vor das Haus Israel hingestellt werden und sich da immer gegenseitig ablvsen. Kaum ist Israel am Rande des Untergangs gestanden, da hat es sich wiederum bald auf dem Gipfel der Macht und Hoheit befunden, um da abermals gestürzt und dann von Neuem erhoben zu werden. Wir hätten, so wir unserer geschichtlichen Erfahrung gerecht werden, unserem den Inhalt von Jahrtausenden in sich zusammenfassenden Bewußtsein nachgehen wollten, der Erlösungen gar viele zn feiern, allein bedeuten sie denn nicht alle dasselbe? Erblicken wir nicht in allen den verschiedenen Ereignissen, durch die Israel von seinen Leiden und Gefahren erlöst wurde, die eine gleiche Thatsache, die nur immer vou Neuem sich wiederholt hat? Ja noch mehr. Ist nicht das ganze Dasein Israels, das nicht auf dem Grunde irdischer Macht sich aufgebaut hat und dennoch zu einer unerschütterlichen Festigkeit gelangt ist, ein fortwährendes Erlösungswerk des Herrn, ein ewiges Wunderzeichen der göttlichen Gnade? Wahrlich! wenn es nichts weiter als die einstmalige Befreiung unserer Vorfahren von dem harten Drucke und Elende Mizraims wäre, dessen wir zn gedenken Hütten, das Pesachfest würde sich längst überlebt haben. Was sich vor dreitausend Jahren zngetragen hat, was seitdem nebst zahllosen Ereignissen von nicht geringerer Wichtigkeit, die noch nachher eingetreten sind, vollends aus dem Leben geschwunden ist, das können wir doch in unserer Empfindung nicht mehr so nachfühlen, daß mit der Erinnerung daran eine lebendige Teilname des Herzens sich verbindet! Allein ist es denn wirklich nichts mehr als eine dunkle Kunde aus uralten Tagen, welche >vir an unserm Feste mit dem Lichte gedankenvoller Erinnerung erhellen wollen, Hütten wir nichts von ägyptischen Finsternis und pharaonischer Gewaltthütigkeit auch aus neuerer, allerneuester zn Zeit erzälen? Mehr als auf das erlöste Israel, über das ja dann doch wiederum gar viel Leid und Elend gekommen, das wohl gar selbst in seiner thörichten Verblendung wieder die Wege ausgesucht hat, die nach Mizraim zurückführen, will das Pesachfest auf die erlösende Hand Gottes unfern Blick hinlenken. Nicht durch seine Macht hat Israel sich erhoben, nicht mit der ehernen Waffe hat es seine Freiheit sich erkämpft, nicht mit dem blinkenden Golde sich das Gut erkauft, durch das der Sklave zum Menschen wird, nein! es war der Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit, der wohl zu Zeiten verleugnet >md niedergedrückt, aber nicht ertötet und vertilgt werden kann, der da Freiheit und Erlösung gebracht hat. Alle Mächte der Finsternis hatten sich gegen Israel verschworen, aber die erlösende Hand Gottes war über seinem Haupte ausgebreitet und sie hat die Nacht zerteilt und die Finsternis gebrochen und einen sonnigen Morgen aus ihrem Schoße erweckt und ein Licht über Israel heraufgebracht, das seitdem nie erloschen ist und auch nie untergehen wird, solange wir unser Auge an ihm erhellen und in unserem Herzen es hüten werden als einen Segensschatz, der durch die Gnade des Herrn uns verliehen worden ist. „Haus Jakobs, kommt, laßt uns wandeln im Lichte Gottes" das ist der Mahn- und Weckruf, der an dem Pesachfeste an uns ergeht, den wir da zu vernehmen und allezeit zu beherzigen haben.