Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1884)
- Date
- 1884-03-01
- Page
- Seite 61 (sequence 13)
- Language
- German
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61 tums feindlich entgegenstemmte; tveil er, wie Mnnk richtig bemerkt,') seine Reformen nicht an das historisch Gegebene, sondern an das Reiumenschlichc knüpfte und seinen Jüngern das Anfgeben alles griechischen Partikularismus zumutete, dessen unerschütterliche Stärke gerade in der griechische» Religion ivnrzelte, welche mit der zähen Rationalität sich identifizierte. Darum konnte man ihn, den moralischen Weltverbesserer, den ersten Apostel der Menschheit, in welcher er das Griechentum wie jede andere Volkseigentümlichkeit aufgehen lassen wollte, vom national-hellenischen Standpunkte ans init einer gewissen Berechtigung einen Verführer der Jugend nennen,2) weil er sie für das Menschliche, nicht für däs Hellenische begeisterte; einen Verächter der Götter, weil sein Begriff von einem geistigen Gotte der Menschheit den volkstümlichen Vorstellnngen einer spezifischhellenischen Götterschaar widersprochen hatte; einen Verdreher des Rechtes in Unrecht, weil ihm das moralische Gesetz mehr galt als das hellenische. Würde Sokrates als ein Sohn Israels geboren worden sein, so wäre sein Loos gewiß nicht der Giftbecher gewesen; sondern die jüdische Volkspietät hätte ihn in die Reihe jener denk- und redegewaltigen Männer erhoben, welche mit ihrem prophetischen Geiste gleichfalls die Schranken des jüdisch Konfessionellen und Nationalen durchbrochen haben, die aber dennoch von der ehrenden und bewundernden Volksliebe getragen wurden, weil die jüdische Religion, von ihren partikulären Sitten und Satzungen abgesehen, von vornherein die Anlage und den Berns zur Universalität in sich barg durch den allumfassenden Gedanken des Monotheismus, und durch das aus diesem Gedanken notwendig resultierende sittliche Gesetz des göttlichen Willens, unc den, wie um den einen Brenn- und Mittelpunkt, gemäß der mosaischen Lehre nicht blos das israelitische Volk, sondern das ganze Natur- und Menschenleben sich bewegt. Wenn daher — was höchst charakteristisch ist für den Unterschied zwischen dem jüdischen und hellenischen Volksgeiste — ein Sokrates darum als religiöser und politischer Verbrecher sterben mußte, weil er den griechischen Zeus zum Gotte der Menschheit erhob, der nicht nur das Wol und Heil der Griechen, sondern auch der Nichtgriechen will; ') so wurde ein Maleachi ob der Verkündigung: H „fürwahr, wir Alle haben einen himmlischen Vater, ein Gott hat aus geschaffen." als ein echt heiliger Sendbote Gottes von seinem Volke verehrt, weil gerade dieser Ausspruch den innersten Kern der jüdischen Religion bloslegt, die altbelebende und altveredlende Weltseele derselben, die reine Ethik, offenbart, zu welcher als zum Endzwecke der geoffenbarten Glaubenslehre, die eben dadurch sich von allen heidnischen Glaubensbekenntnissen unterscheidet, 3) sowohl die Geschichte als auch die Satzungen des jüdischen Volkes hindrängen. Dies nun klar und objektiv vorerst aus dem geschichtlichen und dann aus dem gesetzlichen Teile der Bibel nachznweisen, daß nämlich das innerste Wesen des geoffenbarten Judentums, gewißermaßen die urkräftigen Puls- ') Munk Gesch. d. griech. Prosa S. 246. -) Xenoph. Mein. I. 1, 2. 4, 1. 3) Plato. Apol. 31 33 4) Malea. II. 10. 5) Ich muß hier sofort bemerken, daß das Christentum, dessen Wesenheit auch unstreitig die Ethik ist, sich in Bezug auf das allgemeine Menschliche der jüdischen Religion anreihet. Denn abgesehen von seinen antimosaischen Dogmen, ist ja das Christentum, wie es Jesus wollte, nur eine Copie des prophetischen Judentums. Nur hat dies letztere das göttliche Prinzip der Ethik, welches in der allgemeinen Menschenliebe gipfelt, niemals so grausam durch fanatische Bekehrungssucht verletzt, wie dies in manchen Kreisen der christl. Kirche geschah.