Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1884)
- Date
- 1884-03-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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60 partikulären Charakter des Aus- und Abschließens zu überwinden und zu einer Universalreligion der Menschengesellschaft sich zu erheben: während eine Nationalität ihrem imiersten Wesen, ihrer Sprache und ureignen sozial-politischen Lebensweise zu Folge niemals zur allgemeinen Anerkennung und Herrschaft gelangen konnte. Wenn wir nun aus die verschiedenen Konfessionen des Altertums unfern prüfenden Blick werfen, selbst auf das höher entwickelte Glaubensbekenntnis des altklassischen Griechentums, das vou der Vergötterung der rohen Naturuud Ti er kr äste, welche das egyptisch-orientalische Heidentum kennzeichnet, zur Vergötterung des Menschlichen und Vermenschlichung des Natürlichen fortschritt;' > so werden wir zur Überzeugung gelangen, daß ihnen mehr oder weniger jene zur Universalität führende Idee des Ethischen mangelt, sie daher ebenso einem schroffen, ja feindlichen Partikularismus huldigten wie die Nationalität, mit der sie fast untrennbar vereinigt wurden und deren Wol und Weh sie im Entwicklungsprozesse teilen mußten. Das Ureigentümliche des Griechisch- Nationalen, z B, die Ästethik, d. h. die Bewunderung sinnlicher Schönheit in der Form, die in dem politisch-bürgerlichen Kultusleben des hellenischen Staates sich bekundet, bildet auch die Seele der hellenischen Religion, welche das Göttliche nur in der Anbetung des Schönen ahnt, nicht aber in der Vertvirklichung des ethisch Erhabenen bethätigt. Sie veredelt höchstens das nationale Griechengefühl für die sinnliche Schönheit zuin Gefühle für die sittliche Schönheit des menschlichen Handelns; die „Kalokagatla“, d, h. das Ästethisch-Gute, nicht aber das Ethisch-Reine, welches nicht in den äußern Handlungen, sondern in der Gesinnung und in dem Motive zur That liegt, erscheint ihr als das Ideal menschlicher Vollkommenheit, das sie jedoch nicht durch einen menschenverbrüdernden Gottesgcdanken zu einem weltumfassenden Ideale erhebt, sondern engherzig und egoistisch, wie ihre Götter, blos auf das Hellenentum beschränkt, tveil das sogenannte Barbarentum keiner „Kalokagatia“ würdig sei. Erst der weise und edle Sokrates, dem das Nationale vor dem Reinmenschlichen zurücktrat, der, wie kein Helene vor ihm, es laut verkündete: er sei nicht Athener, sondern ein Weltbürger,®» setzte, aber im feindlichen Gegensätze zur griechischen Volksreligiou, das Ethisch-Gute der allgemeinen Menschengesinnnug weit über das Ästethisch-Gute der äußern Handlung eines griechischen Patrioten, dem das Bewußtsein der reinen Menschlichkeit fehlt, daher er auch nicht tugendhaft sein könnte, ®) weil er jeden Nichtgriecheu zu hassen und zu verachten sich für berechtigt hielt vom Standpunkte seiner Konfession. Die Philosophie des Sokrates war, wie Aristoteles bemerkt,') die Schöpferin der Tugend lehre, welche nicht blos das untersuchte, was sinnlich und sittlich schön im äußeren Thun, sondern auch das, was wahr oder lügenhaft, was gerecht oder ungerecht sei in der menschlichen Gesinnung, in den Beweggründen zum Thun, ans welche der chriechische Götterglaube niemals reflektierte, iveil er eben von der ethischen Idee des Guten kaum eine Spur in sich hatte. Sokrates machte zuerst den kühnen Schritt von der griechischen Ästethik zur menschlichen Ethik, und dieser Schritt mußte für ihn zum Todessprunge werden, tveil er sich dem innersten Wesen des religiösen und nationalen Griechen- ') Vgl. Munk. Wi-jdj. der griechische Literatur I. 3.!) ff. ') Cie. T»fr. V. U7.;i) Zieiwph. Mein. I l, l(i. ') Ethik, acl Nie. VI. l;i.