Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1884)
- Date
- 1884-03-01
- Page
- Seite 59 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Pie ethische Tendenz im geschichttichen und gesetzlichen Heike der Wivek. Von Di-. A. Rosenberg, Rabbiner in Kaposvär. I. Der kühnste und tiefste Denker der deutschen Philosophenwelt, Immanuel Kant, stellt folgende Definition auf. *) „Religion ist (subjektiv betrachtet) die Erkenntnis aller unserer Pflichten als göttlicher Gebote. Diejenige, in welcher ich vorher wissen muß, daß etwas ein göttliches Gebot sei, um es als meine Pflicht anzuerkennen, ist die geoffenbarte Religion: Dagegen Diejenige, in welchen ich zuvor wissen muß, daß etwas Pflicht sei, ehe ich es für ein göttliches Gebot anerkennen kann ist die natürliche Religion oder Moralität". Aus dieser philosophischen Erklärung folgt mit logischer Notwendigkeit: 1 daß die Wesenheit der geoffenbarten Religion mit der Wesenheit der Moralität identisch sein muß, also das Ziel der einen auch das Ziel der andern ist; 2. daß das Kriterium der Wahrheit und Wertschätzung einer Religion in dem ethischen Gehalte liegt, den;owol ihre Geschichte, d. h. die Lebensentwicklung und Lebensführung ihrer Träger, als auch deren Ceremonieen und Satzungen bekunden. Der große erziehende und veredlende Gedanke bildet mithin die Seele, den ewigen göttlichen Genius der Religion,^ ohne welchen sie keine Lebensfähigkeit und keine Lebensberechtigung hätte, weil sie ohne ihn nicht zu ihrem heiligen Ziele, nicht zur Ethik gelangen könnte, welche allein die Universalität einer einzigen religiösen Lehre für die ganze Menschheit ermöglicht. Und die Erreichung der Universalität ist doch der eigentliche Beruf jeder Wahrheit, also auch der religiösen, da es zwei religiöse Wahrheiten nicht geben kann. Die manichfaltigen Satzungen und Ceremonieen hingegen bilden den Körper der Religion, die dienenden Organe der ethischen Idee, welche sie durchleuchtet, beseelt und der Weihe des Göttlichen teilhaftig macht. Wie nun der Körper ohne Seele tot, die Seele ohne körperliche Organe latent wäre, und erst die harmonische Verbindung beider das thütige Leben bewirken kann; so wäre auch die Religion ohne Ethik starr und leer, die Ethik ohne religiöse Formen, ohne Gebote und Verbote, ein unfruchtbares Ideal, eine theoretische Schwärmerei, die das praktische Thun und Treiben des pulsierenden Völkerlebens unberührt lassen müßte. Erst die innige und sinnige Verknüpfung beider, indem die Ethik zur göttlichen Religion wird in den Thaten und Handlungen der Menschen, die Religion zur Ethik sich verklärt in den Gesinnungen und Motiven der Handelnden, macht die Identität der Religion mit der Moralität aus, auf welche Kant hindeutet, und drückt der Erstern das Siegel der universellen Wahrheit auf, welche allmählich, obgleich sie sich, wie die Nationalität, in ihren verschiedenartigen Formen Schranken letzt, zum Gemeingute der ganzen Menschheit werden wird. Denn tvenn auch die Konfessionen ebenso, wie die Nationalitäten, die Völkerverbrüderung zu einer einzigen friedlichen Menschenfamilie hemmen; so ist doch diejenige Konfession, deren innigstes Wesen, deren bestimmendes und gestaltendes Element die Ethik ist, entschieden dazu befähigt, ihren ') Vgl. „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft," Auög. v. K. Kehrbach S. 164—95. 2) Vgl. Midr. R. z. II. B. M. Kap. 30, wo diese Anschauung bildlich angedeutet wird.