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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-03-01 · Heft 3 (1.3.1884) · p. Seite 57

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 3 (1.3.1884)
Date
1884-03-01
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 Neben literarischem Unterricht mußte jeder Knabe auch ein Handwerk erlernen. Die Wissenschaft zum Brodstudium zu erniedrigen, zum „Spaten um Schätze zu grabe»," schien eine sündhafte Entwürdigung. Die Klasse des gelehrten Proletariats, welche unser öffentliches Leben häufig unsicher macht, war in Palästina undenkbar. Von Töchtern wurde vor Allem ein zarter Sinn für das Schickliche gefordert, Züchtigkeit der Rede und des Blickes. Zur Zeit Jesu erlernten palästinensische Töchter auch fremde Sprachen, besonders das Griechische. Sprachkenntnisse galten als eine besondere Zierde des Mädchens (Meuach. 89 b; jer. Pea 8a; Sabb. 4, 1). Die landesübliche Sprache in Palästina in der Enstehungszeit des Christentums war nicht mehr die hebr., sondern eine syro-aramäische Mundart, welche in Kleinasien viel verbreitet und gesprochen, von den Palästinensern, um in stetem Kontakt zu bleiben mit den geistigen Strömungen der Nachbarvölker, gegen ihre nationale Vätersprache eingetanscht tvurde, in welcher zwar ein viel bewundertes zweitausendjähriges Schrifttum aufbewahrt lag, für deren Geltungsgebiet indessen die Grenzen leicht gezogen waren, und die über die Gemarkungen des winzigen schmalen Landstriches au der Küste des mittelländischen Meeres keine Zunge hatte. Der Sprachfanatismus, welcher mit seinen entarteten Auswüchsen in unserem Vaterlande in grelle Erscheinung tritt, war dem Altertum fremd. Der Palästinenser schätzte seine Sprache als Verständigungsmittel; konnte sie diesen Dienst nicht mehr leisten, wurde sie ein Hindernis, wenn es galt in Gedankenverbindung mit der großen Welt zu treten, so entledigte er sich dieser Fesseln stillschtveigend ohne Groll und ohne aufreibende Kämpfe. So mußten einige Jahrhunderte vorher die hebr. Schriftzeichen der chaldäo-assyrischen Quadratschrift weichen, und nur die glanbensverwandten Samaritaner heidnischer Abstammung verteidigten die hebräisch-nationale Schrift mit einem zähen Fanatismus, welcher an manche Erscheinungen des österreichischen Nationalitätenhaders erinnert. Über eine Million Palästinenser lebten unter ptolomüischer Herrschaft; Alexandria allein zählte an 100000! — In ihren zahlreichen Schulen war das Griechische ausschließliche Unterrichtssprache. Der berühmte Philosoph Philo, aus priesterlichem Geschlechte, war des.Palästinensischen vollständig unkundig und hat die hebr. Literatur nur aus griech. Übersetzungen kennen und lieben gelernt. Der Versuch wurde nicht unternomnien, in der reichen und mächtigen Residenz der Ptolomäer, in der Mitte einer ausschließlich griechisch redenden Bevölkerung, eine Schule mit palästinensischer Unterrichtssprache zu gründen; wiewohl der völkerfreundliche Sinn des alexandrinischen Griechentums solchen Schulen den Schutz des Gesetzes nimmermehr entzogen, in ihrem Bestände keine Provokation und in ihrem Gedeihen keine Gefahr für den Charakter des mächtigen Handels-Emporiums erblickt hätte. Die Königin Kleopatra sprach wie bereis erwähnt, hebr., äthiopisch, syrisch, lateinisch und griechisch. In Palästina, dem Mutterlande des Monotheismus, tvar das Religiös- Sittliche Postulat der Erziehung. Widerholt dringt der Gesetzgeber darauf, die religiösen und sittlichen Ziele der Jngendbildung nicht außer Acht zu lassen, und das religiöse Moment beherrschte und durchdrang den gesammten Unterricht. „Gottesfurcht ist aller Weisheit Ziel und Anfang" lautete die Maxime. Dessen ungeachtet war dem Priester auf die Jngendbildung und auf das Schulwesen keine Einwirkung gestattet, kein Einfluß eilige r ü u m t!

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