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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-03-01 · Heft 3 (1.3.1884) · p. Seite 56

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 3 (1.3.1884)
Date
1884-03-01
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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56 Die achtjährige Schulpflicht ist demnach thatsächlich eine semitische Institution, gegen welche, wie gegen den gesammten Semitismus die Ungunst unserer sogenannten „öffentlichen Meinung" sich wendet. Allein ich muß Sie darauf Hinweisen, daß in den alten ehrwürdigen Urkunden des Christentums jede Andeutung fehlt, daß der Stifter oder die Apostel der Kirche, welche alle Schäden der Gesellschaft und des Staates ohne Schonung und ohne Rücksicht geißelten, speziell gegen die festgewurzelte palästinensische Institution der achtjährigen Schulpflicht ein Wort des Tadels, ein Wort der Misdilligung geäußert hätten! Jugendunterricht galt wichtiger und heiliger denn Gebet und Opfer (Midr. Kohel. Sabbat 119b). Fürchte nicht das Angstgeschrei der Finsterlinge, welche gefährlich nennen den Strahl des Geistes, als wäre er ein zündender Blitz. Alles Unglück der Welt hat in der Unwissenheit seine Urquelle, sagte der Palästinenser (Baba bathra 8); Bildung und Wissenschaft sind die sichersten Stützen des Weltfriedens und der staatlichen Ruhe (Sabbat 64). Mancher Palästinenser hatte es zur Gewohnheit, des Morgens noch vor dem Frühstück mit seinen Kindern eine Lektion durchzunehmen, und die häuslichen Schulaufgaben zu erledigen (Ked. 30», Midr. Rabba I. B. M. Kp. 13). Große Bedeutung wurde dem sittlichen Lebenswandel des Lehrers zubemessen, damit er den Schülern ein würdiges Vorbild sei lJoma 72h). Er soll sanftmütig, freundlich, geduldig, nicht zornig und zanksüchtig sein (Aboth 2, 8; Ber. 63). Ein Lehrer Präda wird gerühmt, daß er hundertmal einen Satz den Schülern wiederholen konnte, ohne in Zorn zu geraten. Seine Wissenschaft soll dem Lehrer stets gegenwärtig sein (Sabbat 104 a), vertrant wie eine Schwester, lieb wie eine Mutter. Nicht die Fülle, sondern die Gründlichkeit des Wissens war das entscheidende Moment beim Lehramte (Baba bathra 20 a). Manche Palästinenser hegten ein Vorurteil gegen junge Lehrer. Von der Jugend Unterricht empfangen, hieße unreife Trauben genießen, sagten sie. Dem entgegengesetzt behaupteten Andere: Wir achten nicht ans den Krug, sondern auf den Wein; wir haben neue Krüge gesehen voll alten Weines, und alte Krüge ohne jeglichen Inhalt! Elementarlehrer wurden mehr gepriesen als die Gelehrten an den höheren Schulen; die öffentlichen Redner wurden nicht müde, zu ihrer Verherrlichung immer neue Bilder zu ersinnen; inan nannte sie die wahren Nachfolger der Propheten (Sabbat 1195), die ewigen Gestirne am blauen Horizont (Baba bathra 81>); sie werden einst zur Rechten Gottes sitzen. Den Schülern wurde eingeschärft, die Ehrfurcht gegen den Lehrer nicht minder hoch zu achten, als die Ehrfurcht vor Gott tAboth 4, 15). Gerieten Vater und Lehrer zugleich in fremde Gefangenschaft und Sklaverei, so galt die gesetzliche Pflicht, zuerst den Lehrer und dann den Vater loszukanfen (Baba in. 33 a). Lehrer und Schüler nannten sich gegenseitig „Vater" und „Sohn" lMidr. Rabba 3. M., Kp. 11; Sifr«! 5. M., 5, 11; 11, 19) und ein kindliches Verhältnis sollte ihre Beziehungen auszeichnen. Andererseits mußte aiich der Lehrer die Ehre seiner Schüler als seine eigene Ehre ansehen (Aboth 4, 12) und zwischen reicheren und ärmeren Kindern keine Unterscheidung znlassen (Tanith, 24 a). In Palästina ging die Rede, daß vorzüglich den Söhnen der Armut die Wissenschaft ihre größten Fortschritte dankt «Nedarim 81); die Wissenschaft gleicht dem Wasser, welches von den Höhen uitb Bergen nach den Thülern strömt und in der Niederung sich samnielt (Tanith, 7 a).

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