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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-03-01 · Heft 3 (1.3.1884) · p. Seite 50

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 3 (1.3.1884)
Date
1884-03-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 knappe, logische Form der Darstellung, sondern auch, und vielleicht noch mehr, die Hagada, jene Herz und Gemüt erhebende, teils spielende, teils ernst mahnende, immer aber erbauliche Vortragsweise die geistige Regsamkeit und den Blick nach oben erhalte». Der Talmud, jenes bestgehaßte Buch unserer Zeit, hat seinen Einfluß auf die Juden neben seinen haarscharfen Unterscheidungen, Schlußfolgerungen und subtilen Definitionen' gerade der nebenherlaufenden Richtung, den duftigen Blumenbeeten anmutiger Zerstreuungslektüre, den Perlen rabbinischer Weisheit, den herrlichen Gleichnissen, Legenden und Fabeln, den markigen Sen- Uenzen und Sprüchen zuzuschreiben. Jener Einfluß des Talniud und Midrasch auf das Leben und Denken der Juden ist gegenwärtig allerdings auf den Gefrierpunkt gesunken. Selbst die Gebildeten kennen sie nur dem Namen nach. Es müßte ihnen aber immer und immer wieder eingeschärft werden, daß in jenen voluminösen Bänden nicht nur das enthalten sei,' was unsere Gegner daraus verzerrt und entstellt zusannnenkehren, nicht blos die Splitter und Abfälle eines religiösen Übereifers, welcher tausend Jahre hinter uns liegt, sondern daß sie neben den Jrrgängen auch durch reizende, blumige Pfade sinniger und inniger Erbauung führen und uns einen Erholungsplatz,'eine blühende Gartenlaube für den trauten Familienkreis bieten. Und müßten nicht andererseits die Gebildeten nichtisraelitschen Bekenntnisses stets und ständig erfahren, daß der Talmud, jenes für sie mit sieben Siegeln verschlossene Buch, das von unberufenen Seriblern ihnen als ein abscheuliches semitisches Ungeheuer ausgemalt wird, neben manch' unwesentlichen, irrigen, ja verschrobenen Dingen tiefe Schätze edler Gedankenarbeit aufgehäuft hat? Wir scheuen uns nicht, es auszusprechen, daß auch Verkehrtes und Häßliches darin enthalten sei. Wie sollte es auch anders möglich sein! Ein Werk, das Hunderten von Jahren und Hunderten von Verfassern seine Entstehung verdankt und das deshalb ein großes Spiegelbild jener Jahrhunderte und der Charaktere der Verfasser ist, kann doch nicht überall reinlich und peinlich, zierlich und artig die Worte wühlen und nur die großen monotheistischen und ethischen Hauptgedanken behandeln, ohne hie und da von den Anschauungen, den Vorurteilen der Zeit, von religiösem und politischem Streite und Hader sich beeinflussen zu lassen. Was ich vor sechs Jahren in der Gartenlaube Jahrgang 1877 Nr. 9 geschrieben: „Der Talmud ist noch heute der großen Welt gegenüber ein unbekanntes Gebiet, weil seine tiefere Kenntnis wegen der Knappheit der Ausdrucksweise und des fremdartigen Idioms, besonders aber wegen der ureigenen, bald schwerfällig fortschreitenden, bald kurz nur andeutenden Methode eine ganz besondere Hingabe und Jahre hindurch den angestrengtesten, ausschließlich nur diesem Studium gewidmeten Fleiß erfordert. Verschrobene Menschen macht dieses Talmudstudiuni allerdings noch verschrobener, aber für geisteshelle Köpfe hat es sich meistens wegen der Vielseitigkeit des logisch bearbeiteten Stoffes aus den entlegensten Gebieten und den verschiedensten Zeiten als ein Gedankenwecker und Geisteshebel von ganz besonderer Kraft erwiesen. Der Talmud ist ein dunkler Schacht, in den man tief hinabgestiegen sein muß, um edles Metall herauffördern zu können. Auf der Oberfläche sieht mau da nichts als wertloses Gestein und Gerölle, und von Hunderten, die über den Talniud schreiben, hat ihn vielleicht Einer tiefer erfaßt, von Hunderten, die auf ihn schimpfen, hat kein Einziger eine Zeile in ihm gelesen." Wie wortgetreu hat sich besonders der letzte Satz im verflossenen Jahre bewahrheitet? Bei den unerquicklichen Verhältnissen, mit welchen wir gegenwärtig zu rechnen haben, wo unwissenschaftliche Köpfe das

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