Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1884)
- Date
- 1884-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 36 — steigen sie die Mauer, jeglicher geht seines Weges und nicht säumen sie ausiihrem Pfade (Joel 2, 7). Und auch hier erfüllte sich die alte traurige Wahrheit: ein Unglück konnnt selten allein. Zu der feindlichen Invasion wären noch Jahre der Misernte aufeinander gefolgt; verödet war der Weinstock, der Feigenbaum entblößt, blosgeschält, weggeworfen waren die Ranken (Joel 1, 7); wurde auch viel gesäet, so doch wenig eingebracht, jeder Verdienst, jeder Lohn wanderte in einen durchlöcherten Beutel (Hag. 1. 6); alle Freude war von den Menschenkindern gewichen, auch in dem Hause Gottes herrschte Armseligkeit, fehlte es doch selbst an Speis- und Gießopfer (Joel 1, 13, 14). Den benachbarten Völkerschaften und den Feinden der Gemeinde kam eine solche Zeit heilloser Verwirrung sehr gelegen, sie fielen über die Gemeinde her, schleiften die Mauern der Stadt, raubten und plünderten nach Herzenslust und verkauften die Kinder Juda's und Jerusalem's au die Griechen (Joel 4, 4). Solche Ereignisse waren wenig geeignet, die innere Kraft der Gola zu stärken; in Jerusalem war die Begeisterung verrauscht, statt ihrer allmälig Lauheit und Unmut in die Gemüter gezogen, so daß der Tempelbau, der nicht über die Grundmauern hinaus gekommen sein wird, an 15 Jahre liegen blieb. Eine stumme Resignation hatte sich aller bemächtigt und von Mund zu Mund ging mit Gleichmut das Wort: „Die Zeit ist noch nicht gekommen, das Gotteshaus zu bauen!" x) (Hag. 1, 2), eine Stimmung, die sich auch in solche Kreise schlich, die sonst nicht resignirten, wenn es galt, für Gottes Werk einzutreten. „Wenn Jahve das Haus nicht baut, so heißt es in einem Liede jener Zeit, vergebens mühen sich seine Erbauer; so Jahve die Stadt nicht hütet, eitel ist des Wächters Mühen. Eitel ist's, die ihr früh aufsteht, spät hinsitzet, das Brod der Schmerzen esset: seinen Lieben gibt er's im Schlafe" (Ps. 127). Am deutlichsten und schärfsten ausgeprägt erscheint der Charakter jener Zeit in der Sprache des Propheten Haggai, die matt und dürr, arm an Bildern und Schwung, mühsam nach dem Ausdrucke ringt. Ohnmacht vermag eben nicht allzuhoch des Geistes Schwingen zu heben. Der Prophetismus war im Erlöschen kcjriffett, nachdem seine Hauptbedeutung und sein Hauptmotiv, der Kampf für den die Heiligung bedingenden Monotheismus gegen den sinnlichen Naturdienst des Heidentums, zu schwinden begann. Das Jahvetum hatte sich bereits imVolke befestigt und insofern war allgemeine Erleuchtung eingetreten, somit auch die Berechtigung des Prophetismus, für den nur noch einzelne gelegentliche Ereignisse als Gegenstand der Behandlung übrig blieben, in gewisser Beziehung erloschen. In dieser Zeit allgemeiner Erschlaffung traten Haggai und sein jüngerer Zeitgenosse Secharja für den darniederliegenden Tempelbau mit Eifer ein. „Ist für Euch Zeit, so spricht Ersterer, zu weilen in eueren Häusern, wohlgetüfelt, und dieses Haus ist öde?" (1, 4). Denen aber, die die Geringfügigkeit der Mittel und die Trostlosigkeit der Zeit als Entschuldigung für ihre Lauheit vorführten, flößte er Mut ein, indein er auf die Zukunft hinwies, die, von den früheren verheißen, noch nicht Jerusalem kommen, s. Hieronym. z. St. Opp. VI. 197, sondern immer das Unheil, das von Norden kommt - Babel - bedeutet vgl. Jer. 1, 4; 4, 6; 6, 22; 51, 48; Ez. 26, 7. vgl. das Targum zu 2, 20, wo „hazephoni* mit „Volk das auS dem Norden kommt', wiedergegeben wird; ähnlich Hieronymus, Theodorct und Cyrill von Alexandrien z. St. vgl. auch Luthers Werke B 6 ed. Walch, S 2068. Der Verfasser des Buches, warscheinlich ein priesterlicher Prophet, lebte vor Esra, etwa zur Zeit, da Cambyses den Zug gegen Egypten unternahm. ') Wir lesen mit dein sogenannten Targum Jonathan: Io oä ba s. daselbst.