Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1884)
- Date
- 1884-02-01
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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34 den Lebensnerv handelt, uni Sein oder Nichtsein, da muß jede Halbheit vermieden werden. Jedes Einzelwesen hat zunächst einen Selbstzweck und nur auf dem Grunde der Selbsterhaltung geht jede Selbstentfaltung, die Erhebung und Vollendung des eigenen Seins, die wieder junge Keime neuen Lebens weckt, vor sich. Der Grundzug des Jahvetums war das Streben, das Individuum von dem Einen, Allgemeinen, das seinen Gottesgedankeu in sich verkörpert, vollständig abhängig zu machen. Dieses vollständige Aufgehen in der Einheit, diese vollständige Abhängigkeit konnte nur durch eine gewisse Abgeschlossenheit, die durch Zeiten und Anschauungen bald verengt, bald erweitert wurde, erreicht werden, — das Moment der Klage und Anklage aller Zeiten! — stets aber lag in diesem allgemeinsten Trieb als Einzelwesen die höchste Universalität — die Einheit des Gottesgedankens schließt unwillkürlich die Einheit des Volksu. Menschentums in sich — als leitender Gedanke zu Grunde; nicht Engherzigkeit oder Fanatismus war es, die das Judentum bei der Ab- und Ausschließung von den andern Völkerschaften beeinflußten; die Samaritaner wurden nicht abgewiesen, weil sie nicht nach der Anschauung jener Zeit gute Jahvediener waren, sondern weil sie im Götzentume staken, das stets die größte Gefahr für die Sittlichkeit und Heiligkeit des Lebens in sich barg. Die Gola konnte es gestatten, daß einzelne Heiden, sobald sie sich dein Jahvedienste anschlossen, als zur Gemeinde gehörig betrachtet werden, ja selbst levitische Dienste verrichten; allein sie durfte es nicht zugeben, daß ganze heidnische Völkerschaften gleich einem kranken Gliede des Volkskörpers Gesundheit untergraben. Mit der Abweisung der Samaritaner war für alle Zukunft ein Grundsatz von großer, prinzipieller Bedeutung ansgesprochen: Das Judentum geht ruhig seines Weges auf der weiten Heerstraße des Völkerlebens, sieht es nicht als seine Aufgabe an, durch Schwert oder Wort ganze Völkerschaften für feinen Gottesgedankeu zu gewinnen, zu bekehren, sondern durch die Verbreitung des sittlichen Bewußtseins das Individuum und erst durch die Vertiefung in dem Einzelnen die Gesammtheit dem ethischen Monotheismus zuzuführen. Scheinbar ein Partikularisinns und doch welch großartige Universalität! Die traurigen Folgen der Abweisung ließen nicht lang auf sich warten. Scheschbazar war, sobald er seine Mission erfüllt hatte, mit seinen Truppen, die der kriegerische König nicht lange entbehren konnte, in die Heimat zurückgekehrt und die neue Gemeinde blieb ohne Schutz gegen das ränkesüchtige Volk, das in Sichem wohnte, (vrgl. Jos. Sirach 50, 25, 26.) dessen stiller Grimm sich bald in offenen Haß verwandelte. Sie, die Brüderrechte für sich in Anspruch nahmen, wurden jetzt die größten Gegner der Gola und ließen es weder an List, noch an Verschlagenheit fehlen, um bei der Regierung Verdacht gegen die Bestrebungen der Juden zu wecken, In der Tat gelang es ihnen auch bald, die Fortsetzung des Baues zu stören. Cyrus selbst, der für die Errichtung des Heiligtums so viel Interesse an den Tag gelegt hatte, befahl jetzt, um jede Unruhe im Lande zu verhindern und seine Kriegskräfte nicht zersplittern zu müssen, den Bau des Gotteshauses einzustellen. (Esr. 4, 4.) In der Not der Zeit wendet sich ein Dichter zu Gott, bei ihm Hilfe zu suchen vor den Feinden, die Israel durch trügerische und heimtückische Verläumdungeu kränken und befehden: „Zu Gott in der Drangsal mein rufe ich und er erhört mich. O Jahve, rette meine Seele vor Lügenlippen, vor trügerischer Zunge. Was wird er dir geben und ferner dir werden lassen, du trügerische Zunge? Scharfe Pfeile der Helden und glühende Ginsterkohlen! Wehe mir, daß ich wohnen muß mit Meschesch, weilen neben Kedar's Zelten. Genug hat meine Seele geweilt bei Friedenshassern; ich bin friedlich, doch wie ich spreche, sie sind kriegsbereit." (Psalm 120.)