Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1884)
- Date
- 1884-02-01
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Pas babylonische Wik und das Jahrhundert nach demselben mit besonderer Berücksichtigung auf die religiöse Gntwicklung des Judentums. Von vr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner in Teplitz. (Fortsetzung) Die Frage, die nun an die Gemeinde herantrat, war von großer, prinzipieller Bedeutung für sie, ja noch mehr für die ganze künftige Entwicklung und Weltstellung des Judentums. Die Frage war: Soll das Judentum die heidnische Welt ohne Umstände in sich aufnehmen, um das Ziel, das der Prophetismns sich gesteckt und als vollzogene Thatsache mit seinem geistigen Auge geschaut, in der Gegenwart zu erreichen, "die Bekehrung der Heiden bedingunslos anstreben, um vielleicht in der Zukunft von diesen überwuchert zu werden; oder soll Israel das Eintreten der Heidenwelt der allmäligen Entwicklung der Zeit überlassen und einstweilen allein aber sicher seines Weges zum Ziele einherschreiten? Ideal und Wirkichkeit standen sich in schwerer Fehde gegenüber. Sollte man einer Völkerschaft, die unstreitig bereits seit längerer Zeit, wenn auch nur halb im Jahvetnm stand, den Eintritt in die Gemeinde verwehren, nachdem der Prophetismus das Einziehen der „Fülle der Heiden" als des Gottesreiches Zukunft vorherverkündet und man auch in der That bereits eine vielleicht nicht allzugeringe Zahl von Heiden im Volkskörper ausgenommen hatte? Und wäre es nicht ein politischer Fehler von eminenter Bedeutung, eine ziemlich große Völkerschaft, die sich im Herzen des Landes ausbreitete, in direkten Gegensatz, in völlige Gegnerschaft zu sich zu bringen? Auch in der Vertretung der Gola wurde die Frage wol von verschiedenen Gesichtspunkten aus in Erwägung gezogen und nicht ohne Kampf wird die Entscheidung herbeigeführt worden sein, die Serubabel den Petenten zukommen ließ: „Nicht ziemt es euch und uns, gemeinsam ein Haus unserem Gotte zu bauen!" (Esra 4, 3.) Die praktische Anschauung hatte über den idealen Gedankenflug des Prophetismus den Sieg davon getragen. Juda war an Babels glühender Sonne gereift und zur Erkenntnis gelangt, daß sein politisches Leben mit dem Fall Jerusalems beendet sei, das religiöse aber, ernst und kräftig erfaßt, das erhaltende Element, das einigende Band werden könne. In der messianischen Hoffnung lebte Israel nicht als politisches Volk, nur das Volk Gottes zieht ein in das Reich der Gerechtigkeit und der Liebe. Auch besaß das Volksleben bereits jetzt keine eigentliche politische Macht mehr, das Haus Davids fristete nur ein Scheinleben und eine Zentralisation war notwendig, wenn die Gola nicht zum Spielball der benachbarten Völkerschaften werden sollte. Diese Einigung konnte aber nur die Religion, ein konkretes religiöses Leben durch vollständige Abschließung der Volksindividualität gegen die allezeit vordringende heidnische Sinnlichkeit, die Israel stets zum Fallstrick geworden, herbeiführen. In politischer Beziehung hatte die neue Gemeinde durch diesen Schritt, der vom Standpunkte des Prophetismus aus ein Schritt nach rückwärts zu sein scheint, einen argen Fehler begangen; allein es war ihr um ihr absolutes Leben zu thun und darum mußte sie mit Festigkeit und Energie für den einigenden Gedanken eintreten. Wer sich eines sicheren Besitzes erfreut, kann es leicht mit Zugeständnissen versuchen; wo der Kern gewahrt ist, kann nianches von der Schale fallen, wo es sich aber um