Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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19 wie auch im Kreise der armen Verfolgten Stimmen der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung mächtig ertönten, die nicht verhallen sollten, um ferneren Geschlechtern zu künden, daß der Geist und das Herz auch da ihre Blüten treiben und ihre Früchte zeitigen, wo scheinbar eisiger Winter die Decke der Erstarrung über alles gebreitet zu haben scheint. Die Geschichten aus dem Ghetto sind gerade in dem Jahre erschienen, als ein Hauch der Verjüngung und Erneuerung durch die Völkerwelt zog, durch den auch Israel aus der engen Gasse auf den weiten Schauplatz der Welt gestellt wurde, und wie der Frankfurter Maler Oppenheim zum Pinsel gegriffen, um eine untergehende Welt künstlerisch zu fixieren, so hat der Dichter uns Gestalten aufbewahrt- und der Vergessenheit entrissen, in denen ein Stück Kulturgeschichte der Juden für immer aufbewahrt bleibt. Nach dieser allgemeinen Charakteriesirung der Kompert'schen Dichtungen wollen wir im Folgenden nur den reichen Inhalt der vier Bände kurz angeben. Der erste Band enthält die Erzählungen: „Judith die Zweite", „Alt Babele", „Schlemiel", „Die Kinder des Randars", „Ohne Bewilligung" und ^„Märchen aus dem Ghetto". Die charakteristische Zeichnung „Judith die Zweite", welche Presburg zu lokalem Hintergründe hat, verdanken wir gewiß Kompert's Aufenthalte in dieser Stadt und sind die Gestalten Leb Rother, Reb Christoph, Chajim Franzos und seine Braut Blümele so lebendig und wahr, daß wir ihnen das farbenreiche Leben ansehen, dem sie entstammen. Ueber „Alt Babele", diese bekannte Märchenfigur der Judengasse, auf deren Erzählung die jüdische Kinderwelt der Gasse mit Entzücken lauschte, ist ein mächtiger Zauber gebreitet und gar „Schlemiel", diese bekannte sprichwörtlich gewordene linkische Figur und besonders dessen Brautschau mit allem was daran und darum ist und mit den dazu gehörenden Figuren, der Schulklopfer, das Kind, das Weib sind Schilderungen, die durch ihre innere Wahrheit und treue Wiedergabe uns beim Lesen in fortwährender Spannung erhalten. Die „Kinder des Randar", welche auch einen englischen Übersetzer gefunden, wie denn überhaupt einige Schriften des Dichters auch ins Holländische und Französische übertragen wurden, führen uns in jene jüdische Dorfschenken, in denen ein mächtiger Drang nach Bildung gewaltet und von wo aus, weil nicht durch die Gasse beengt, die ersten Jünger auf den Plan der Universitäten getreten, um dann als Pioniere der Bildung unter ihren Glaubensgenossen aufzutreten. Randar, Geistlicher und Bauer lebten in einer wundersamen Harmonie nlit einander und die Verschiedenheit der Glaubensanschauung riß die Menschen nicht auseinander, in welchen edle Herzen schlugen, die für alles Gute gleich erwärmt waren. Wir mögen in dieser Dorfgeschichte den Randar Pan Schmul, seinen Sohn Moschele, später vr. Moritz, Hanele die Randarin, den Schnorrer Mendel Wilna, Honza und Wacslaw betrachten, alle ziehen uns mächtig an und erzählen uns ein Stück Geschichte, das Klio nicht verzeichnet. Die Erzählung „Ohne Bewilligung" führt uns Familianten und Emigranten vor, von denen besonders die mährisch-böhmischen Juden viel zu erzählen wissen. Eine Familiantenstelle, das heißt die Anwartschaft rite heiraten zu dürfen, war oft schwerer zu erlangen wie ein Königreich und wer zählt die Leiden und Thränen. den Haß und den Hader, die Kämpfe und die Sorgen, die dieses Schreckenswort in jüdischen Kreisen hervorgerufen. Den Schluß des ersten Bandes bilden die Märchen aus dem Ghetto, durch welche ein mystisch spiritischer Zug hindurchzieht. 2*