Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-01-01 · Heft 1 (1.1.1884) · p. Seite 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 1 (1.1.1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 18 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969712-2969714--0947-2971387
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

18 leben Verlangens nach Sein nnd Werden, geht der Inder melancholisch duldend durch die Welt und sein angeborner Hang zur' Ruhe, zum Stilleben, seine Scheu vor Mühseligkeiten und kühnen Wagnissen inacht ihn unvermögend, zu einem thatkräftigen Fortschritte sich aufzuraffen. Das indische Sprichwort „Kenntnisse sind die sichersten Schätze, sie können weder gestohlen noch verzehrt werden; sie führen in des Fürsten Nähe, woher der Quell des Glückes sprudelt" klingt wie ein wehmutsvoller Seufzer des enterbten Volkes. Das indische Gesetz gebietet, dem Lehrer die höchste Ehrfurcht entgegen zu tragen; der Brahmine stand ohnehin in göttlichem Ansehen. Gleich den unteren Volksschichten war das weibliche Geschlecht vom Unterrichte ausgeschlossen. Noch heute gilt die Kenntnis des Lesens und Schreibens als schändend für die Tochter des Hindu. Blos öffentliche Tänzerinnen und Bajaderen genießen das Vorrecht der Bildung. Mit sieben oder acht Jahren tritt die Jndierin in den heiligen Ehestand, und wiewol das Religionsgesetz Liebe zu den Kindern einschärst, so gilt es doch nicht als sündhaft, wenn die Mütter ihre Neugeborenen, besonders die Mädchen, jubelnd in die heiligen Ströme Indiens werfen, oder in Körben an den Bäumen den Vögeln zum Fräße hinhängen. Der grause Kindermord wird uns auch bei Griechen und Römern begegnen. (Forts, folgt.) Meferale und Mtteiturrgen. Leopold Kompert's gesammelte Schriften. Berlin 1882. Louis Gerschel. Verlagsbuchhandlung Gustav Goßmann. Es liegen uns bereits vier Bände dieser Schriften in schöner Ausstattung vor. Kompert ist uns ein alter befreundeter Gast, dem wir immer gerne von neuem unseres Hauses Pforte öffnen, er ist auf dem Gebiete der Dorf- und Judengassenpoesie eine anerkannte Koryphäe, ein unerreichtes Muster, dem viele Nachstreben, ohne es zu erreichen. Er hat es wie keiner sonst verstanden, die Poesie der verkannten Judengasse und des vormärzlichen Judentums, das in seiner äußeren Gestalt eher abstoßend als anziehend erschien, in wundervollen Farben, die er den Tiefen seiner Seele entnommen, zu schildern und uns vorzuführen. Kompert hat seine Gestalten aus dem Leben genommen und mit dem ihm eigenen Scharfblicke für oie jüdische Volksseele hat er es verstanden bei schlichter, ungekünstelter Darstellung mit dem Zauber warmer Empfindung, die über seine Gestaltungen gebreitet sind, uns zum Mitempfinden hinzureißen, weshalb auch seine Schriften sich im Sturme so viele Herzen gewonnen. Diejenigen, die noch das Ghetto gesehen, noch darin erzogen wurden, sozusagen noch mit einem Fuße darin standen, sie finden in Komperts Dichtungen wundersame verwandte Gestalten aus vergangenen Tagen, die mit ihren Jugendeindrücken aufs engste verwachsen sind und die gegenwärtige von dem Realismus und Materialismus angekränkelte Generation läßt sich von der Vergangenheit mächtig anhauchen und wird durch dieselbe ideal angeregt. Der Dichter hat gleichzeitig mit dem Sturze der Ghettimauern im Schutte der Judengasse noch Perlen der Dichtung gesucht und seine Arbeit war keine vergebliche. Er hat edles Gestein gefunden, das alle entzückt, er hat gezeigt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.