Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1884-01-01 · Heft 1 (1.1.1884) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
4 (1884)
Issue
Heft 1 (1.1.1884)
Date
1884-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969712-2969714--0946-2971386
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

17 Recht und Freiheit heranzureifen, erschlafften sie in phantastischem Träumen und in brütendem Sinnen. Die Wunderwelt einer verschwenderischen Natur hält ihren Geist in einem träumerischen Schlaf umfangen, aus welchem sie zu einem kraftvollen Aufschwünge nimmermehr erwachen können. Im kühlen Schatten ihrer Wälder träumend, erschlafft in ihrer Ruheliebe, haben sie den Wert der Arbeit für das innere Glück für die Verwirklichung idealer Güter nicht erkannt. Wie die Glut der indischen Sonne dem müden Leib die Ruhe im kühlen Schatten als das Gut aller Güter erscheinen läßt, so ist auch dem müden Geist Ruhe, ewige Ruhe das Einzige, nach dem der Inder begehrt. Von dem Leben, das der frischen Derbheit eines handelnden kämpfenden Volkes tausend Aufgaben und tausend Güter entgegenbringt, streift er nur die Oberfläche und wendet sich milde davon ab. Müd' ist der Sklave seiner Knechtschaft, müde noch eher der Despot seiner Allmacht und des schrankenlosen Genicßens. Die indische Lehre vom Leiden alles Vergänglichen ist der schneidend scharfe Ausdruck der gesammten Volksstimmung, der in der ganzen leidenvollen Geschichte des unglücklichen Volkes mit unauslöschlicher Schrift verzeichnet steht. „Wer Leid und Freude hinter sich in Ruhe lebt, des Elends los, Wer überwunden diese Welt, die feindlich ihm entgegensteht, Wer störungsfrei, begehrungsfrei zum andern Ufer hin gelangt, Wer nichts als eigen haben will, ja diesen nenn' ich Brahmana." Diese Lebensverachtung und Thateninüdigkeit haben das vielbesprochene und viel charakterisirte indische Kastenwesen erzeugt und so viele Jahrhunderte hindurch ohne Schwankungen und Erschütterungen erhalten, haben es ermöglicht, oder aber sie wurden selber zum größten Teil dadurch gefördert, daß das gesammte Unterrichts- und Erziehungswesen in den Händen der Priesterkaste lag, und der Priester der alleinige und ausschließliche Lehrer des Volkes war. Stillstand, Unbeweglichkeit bildeten des Inders höchste Weisheit. Wenn den niederen Volksschichten selbst die Kunde des Lesens und Schreibens unzugänglich blieb, so war damit allein dem Volke die Kraft benommen, die eisernen Schranken der Kasten zu durchbrechen. Selbst Buddha kam es nicht in den Sinn, für Aufhebung oder Milderung der harten Kastenordnungen seine Energie und seinen Geist einzusetzen. Brahma schuf die heilige Kaste der Priester aus seinem Haupte, die mächtigen Krieger aus seinem Arme, die reichen Gewerbsmänner aus seinen Lenden und das niedere Volk aus seinen Füßen; an dieser geheiligten Ordnung durfte nicht gerüttelt werden. Die breite Masse der Paria wurde kaum als Menschen angesehen und geachtet. Das Wort des Priesters galt als höchstes Gesetz, und er durfte selbst für den gemeinen Mord nicht getötet werden. Wehe dem Adels- oder Priestersohn, der an einer Bürgerstochter Gefallen gefunden; der Unglückliche wurde schmählich aus der Kaste gestoßen. Indien, sagt ein geistreicher Schriftsteller, ist zum Lande der Typen, nicht der eigenartigen Individualitäten geworden. Leben entsteht und vergeht dort, wie die Pflanze blüht und verwelkt unter dem Zwange von Naturkräfteu und diese können nur typisches erzeugen. Nur wo der Hauch der Freiheit weht, werden die stolzen Kräfte entfesselt, welche wirken, daß der Mensch etwas Eigenes, nur ihm selbst Gleiches zu sein vermag und zu sein wagt. In Indien trägt der Einzelne die Züge, welche der Geist der Kaste ihm ausgeprägt hat. Der Inder erachtet das Kastenwesen als starre Naturbestimmung, und eine willenlose Ergebung in höhere Notwendigkeiten wird ihm frühzeitig von den Priestern eingeschürft. Im Gefühle der Nichtigkeit alles Irdischen, der Trostlosigkeit eines 2

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.