Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 4 (1884)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1884)
- Date
- 1884-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2969712-2969714--0944-2971384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
15 welche man nicht zu den vorzüglich wissenschaftlichen der alten Welt zählen, und bei denen eine Wertschätzung allgemeiner Bildung weder gesucht noch gefunden wird, beriefen den vornehmsten Stand, die einflußreichste Kaste der Gesellschaft zur Besorgung des Jugendunterrichtes, zur Leitung des Schulwesens, pflegten das Lehramt mit aller Autorität, mit allem Glanze, mit aller Heiligkeit zu umgeben; Völker wiederum, die man als eigentlich klassische bezeichnet, deren Philosophie und Kunst, deren Wissenschaft und schöne Literatur uns vorbildlich geworden sind, wählten ihre Jugendlehrer zumeist aus dem armen, verkümmerten und gedrückten Stand der unglücklichen Sklaven; bei ihnen war der Lehrer die ärmste Creatur. Das kleine Land aber, welches man das Land der Religion par excellence zu nennen pflegt, das Geburtsland der herrschenden Bekenntnisse, verwehrte dem Träger und Repräsentanten der Religion, dem Priester, auch die geringste Einflußnahme ans das Schulwesen, gestattete ihm keinerlei Autorität über den Jugendunterricht und die Volkserziehung. Welche weittragende Folgen für die Entwicklung der Völker diese Erscheinungen in ihrer Begleitung brachten, werden wir im Lauf des heutigen Abends näher erwägen, wobei ich nur ein wenig an ihre Nachsicht und Geduld appellieren will. II. Im Rathe der Fürsten und Großen der Völker hat nicht selten die politische Theorie Geltung gewonnen, welche von dem Grundsätze ausgeht, daß ein Zug von Blinden sich leichter führen und dirigieren lasse, denn eine Schaar Hellsehender. Dieser Staatsweisheit zu Folge müsse die Bildung, welche dem Volke zugeführt wird, recht karg zugemessen sein, und dessen Einsicht dürfe nicht unnötig erweitert werden. Wissenschaft, Kenntnisse sind Zierden als Besitz einzelner Bevorrechteter, allein schädlich und eine Gefahr für die Autorität des Staates und den Bestand der gesellschaftlichen Gliederung, so sie Gemeingut aller werden. Die Orientalen pflegten deswegen die Wissenschaft und den Unterricht unter Obhut der Priester zu stellen, daß kein,. Unberufener aus der Erkenntnis Quellen schöpfe. Unterricht ohne priesterliche Überwachung galt als eine Art Volksvergiftung, als ein frevelhaftes Unterfangen, die heiligen Schranken, welche der Staat zu seinem Schutze errichtet hat, zu durchbrechen. ' Naturgemäß gelangte diese Staatsweisheit allmählich dazu, die große Masse des Volkes von Bildung und Unterricht ganz auszuschließen; wer arbeiten und dienen soll, brauchte nur das Eine zu lernen: gehorchen! Eine weitere Ausbildung der Vernunft- und Gedankenthütigkeit war ebensosehr eine Gefahr für den strikten Gehorsam, wie ein Eingriff in die Vorrechte und Privilegien der obersten Kasten. In dem ältesten afrikanischen Reiche, welches den Wissenstrieb der Forscher seit je geweckt hat, finden Sie diese Principien streng konsequent durchgeführt. Egypten mit seiner Kastengliederung war das Eldorado der Priesterschaft, und nie in der Geschichte ist der Priester je wieder zu solcher ausschließlichen und unumschränkten Herrschaft gelangt. Das gesammte egyptische Schulwesen lag in den Händen der Priesterkaste und die breite Masse des Volkes, von jeglichem Unterricht ausgeschlossen, bildete eine rohe, von dem Adel gegängelte, mißbrauchte, ausgenützte, willenlose Heerde, welche gründlich verachtet war. Dies allein schon mußte dem alten Egypten den Charakter der Unbeweglichkeit und des Stillstandes aufdrücken. Die Mumie, welche Tausende von Jahre» in feierlicher Stellung liegt, war der Typus dieses Volkes geworden. Sein National-Denkmal war das riesige Grab, die Pyramide, seine heilige Schrift