Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1883)
- Date
- 1883-12-01
- Page
- Seite 278 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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278 gierig, ihre Frauen und Kinder, sowie ihr Gesinde mitzubringen, sodaß eine ungeheure Menschenmenge sich in Jerusalenr zusammenfand und dort an der allgemeinen Volksspeisung tcilnahm. Die Einrichtung einer solchen jährlich dreimal stattfindenden Wallfahrt hatte wol zunächst einen gottesdienstlichen Zweck, nämlich die ganze Nation an dem Nationalheiligtume teilnehmen und sich von dem herrlichen und feierlchen Gottesdienste im Tempel begeistern zu lassen. Sie diente aber auch dazu einen Gemeinsinn und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu wecken und wach zu halten und dem Partikularismus der einzelnen Stämme und Provinzen entgegen zu treten. Zugleich mußte sie den Erfolg haben, zu verhindern, daß auch die Bewohner der entlegensten Dörfer vollständig verbauerten und durch stete Jsolirnng in stumpfe Geistestrügheit versanken. Endlich wurden bei Gelegenheit dieser Wallfahrten in Jerusalenl große Märkte abgehalten und allgemeine Angelegenheiten besprochen und verhandelt. In Jerusalem waren Vorkehrungen getroffen, welche zur Aufnahme der ungeheuren Zahl von Fremden dienten. Nach dem Zeugnisse der Sprüche der Väter soll es, was dort unter die Wunder gerechnet wird, niemals in Jerusalem an Raum und an Unterkunft für die gewaltige Zahl der Besucher gefehlt haben: Für die ärmern und gedrücktem Volksangehörigen war es sicherlich nicht blos eine körperliche Labung, sondern auch eine große geistige Erhebung, wenn sie gleichberechtigt mit ihren reichern und mächtigern Landesleuten öffentlich an einer Tafel und im gleichen Genüsse speisen konnten. War sonach nach allen Richtungen hin für den Armen und Schwachen gesorgt, war es in der Thora zu wiederholten Malen eingeschärft, den Armen, den Fremdling, die Witwe und die Waise ja nicht zu bedrücken -- Gott ist der Rächer der Witwen und der Vater der Waisen, heißt es — waren diese des Schutzes besonders bedürftigen Elemente nicht auf das bloße Wohlwollen der Wohlhabenden hingewiesen, sondern hatten sie einen Anspruch auf bestimmte, durchaus nicht unerhebliche Leistungen, so bleibt noch übrig, die Verhältnisse einer Volksklasse zu besprechen, welche in allen Staaten des Altertums den niedrigsten Stand in der menschlichen Gesellschaft einnehmen, nämlich der Sklaven. Die Sklaverei war eigentlich mit den Grundanschauungen des Judentums nicht zu vereinbaren; schon der Satz, daß die Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen seien und alle von einem Paare abstammen, Hütte jeden Gedanken an die Sklaverei ausschließen müssen. Es waren aber die Verhältnisse stärker als die Grundsätze, und, sowie es der humanen Ethik des Christentums schwer genug geworden ist und sie fast zwei Jahrtausende gebraucht hat, um die Sklaverei abzuschaffeu und es ihr noch immer nicht hat gelingen wollen, die letzten Reste dieser unglücklichen Institution in Brasilien, auf den spanischen Inseln Westindiens und in den portugiesischen Kolonien Afrikas vollständig zu beseitigen, so war' auch die mosaische Gesetzgebung gezwungen, den bei allen Völkern der alten Welt geltenden Anschauungen um so mehr Rechnung zu tragen, als sich nach den damaligen Verhältnissen in Vorderasien ohne die Sklaverei kein Staat und kein Gemeinwesen bilden ließ. Sie hat aber auch der Sklaverei gegenüber ihren humanen Charakter nirgends verleugnet und niemals außer Acht gelassen, daß auch die Sklaven Menschen sind und Menschenrechte zu beanspruchen haben. Von der eigentlichen Sklaverei müssen wir zunächst die Schulddienstbarkeit ausscheiden. Hinsichtlich dieser heißt es im 3. Buch Moses, Kapitel 25, Vers 39: