Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1883)
- Date
- 1883-12-01
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969698-2969711--0908-2971347- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
273 Idee, in der alles aufgeht, aus der Alles quillt. Sie gleicht der Oceanewelt, aus der die Ströme kommen, in der sie sich wieder verlieren, aus der der reine Thau- und Regentropfen stammt, der so viele Wesen labt und erquickt, nährt und erhält. Wozu Berge anfwerfen und Wasser dahin tragen, wozu ein Flußbett graben und den letzten Tropfen versiegen lassen. Wir haben viel verloren, seitdem das jüdische Familienleben das geheimnisvolle Wirken der jüdischen Idee von sich gewiesen und der modernen Kultur sich in die Arme warf. Nicht die Kultur ist es, die das Judentum verwirft, nicht die Bildung, vor. der die Idee des Judentums zurückweicht; die Scheinkultur, die der Zeiten Übel kultiviert, das Herz und das bessere Gefühlsleben mit einer dichten Goldstaubwolke umhüllt, einen festen Panzer um das Naturleben zieht, das ist die schlimme Feindin der idealen Entfaltung. Wir haben das bessere Licht von uns gewiesen und wärmen uns am Lichtstrahl einer Kerze. Die Idee des Judentums ist zu groß, ihre Wahrheit zu heilig, als daß sie untergehen könnte. Und doch giebt es nur Wenige, die sie so recht verstehen, die so warm sie erfassen, begreifen. Was steckt in dem einzigen Worte Echod nicht. Die alten Juden haben mit Leib und Seele täglich wenigstens dreimal dieses Wort ausgesprochen. Mit dem Echod erwachten sie, mit dem Echod giengen sie zu Bette. In dieses Echod haben sie ihr ganzes Leben hinein getragen. Wer dieses Echod aussprach, war ein Jude, gehörte zur Familie, zur Gemeinde, zum Volke. Wie mächtig wirkte dieser eine Gedanke, dieses eine Wort drang durch Herz und Seele, entfesselte zahllose erhabene Gefühle, trug den Geist so hoch und beherrschte das Gemüt. Wenn das Geschick grollte, flüsterten die Lippen Echod, wenn freudetrunken der Busen schwoll, rannen die Gedanken zusammen, verdichteten sich in diesem Echod. Das war ein erziehendes Moment, das Herzen fest zusammenhielt, die Geister mit idealen Gebilden erfüllte. Für die jungen Seelen war es Magnet, der weithin wirkte. Die Phantasieen spielten, ergiengen sich ins Unendliche und konnten diese Grenzen dieses Echod nicht erreichen. Da gab es Väter, die begeistert ausriefen: „Höre Israel, der Ewige dein Gott ist Echod," Mütter, die ihr Kind in die Welt hinaus führten, in jedes Blümchen und Gräschen, in jedes Blatt, das wunderbar gebaut dies Echod hineintrugen. Der Gott der hier so still und liebevoll schafft und erzeugt, weckt und belebt, führt den Sturm durch die Welt und reinigt die Luft, streckt den zündenden Blitz zu Boden und zerschmettert den festesten Stamm. Wie verschwindend klein fühlt sich da der Mensch dieser allgewaltigen Einheit gegenüber und doch so groß, da er mit seinem Gedanken so vieles fassen, so vieles begreifen, erproben und erreichen kann. Dieses Echod war der erziehende Faktor, der im Gemüte und in der Seele des Kindes aufgieng, er war zugleich ein Teil des innern Wesens, Objekt und Subjekt. Und wer will diese Wahrheit aus der Welt bannen? Welcher Pädagoge kann uns einen schönern, bessern Gedanken liefern, ein Ideal, das diesem jüdischen gleicht? Dieser erhabenen Idee gehört die Zukunft, sie ist unverwüstlich. Wie lange noch wollen wir also Berge zimmern, die der Sturmwind wegfegt? Wie lange noch wollen wir das Wasser auf die Hügel tragen, die wir aufgeworfen? „Wir haben Erziehungsanstalten geschaffen. Da stehen die Häuser und werden von Kindern bewohnt, von Lehrern geleitet. Wir haben prächtige Tempel gebaut für den Gottesdienst, haben unsre Vertreter, haben zahllose Wolthätigkeitsanstalten, an deren Spitze die Ersten der Gemeinde stehen." Das sagt ihr mir? Ihr habt Häuser und keine Schulen, habt Kinder und keine Schüler, Lehrer und keine Pädagogen, Tempel, die nicht besucht werden, Wolthätigkeits-