Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1883)
- Date
- 1883-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969698-2969711--0907-2971346- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
272 Wendung gebracht, würde gewiß nur die vielen Juden selbst am schwersten treffen, die sich über die Satzungen prinzipiell hinaussetzen. Die Soharstelle (S. 53 f.) bezieht sich, was kaum erst bewiesen zu werden braucht, auf Ame-ha-Arez, Juden, die für die göttliche Lehre keinen Sinn haben und nur für das Irdische leben. Auch „die übersehene Stelle" aus Pesachim 49 b (S. 57), die Herr Rohling noch nachträglich herbeizieht und die seine Auffassung so sehr unterstützen soll, spricht nur von jüdischen Am-ha-Arez, wie ja der später so gefeierte R. Akiba, der erst in seinem 40. Lebensjahre sein Studium begonnen haben soll, sich in Bezug auf seinen Zustand vor dieser Zeit selbst als Am-ba-Aiez bezeichnet. Wo so offenbare Verstöße, Jrrtümer, Mißdeutungen und Mißverständnisse fast auf jeder Seite zu finden sind, wird es selbst dem, der keine persönliche Animosität gegen Herrn Rohling besitzt, schwer, seinen Darstellungen Vertrauen zu schenken. Den Antisemiten und ihren Genossen mag die Schrift manchen Stoff darbieten, den sie nach Herzenslust verwerten werden. Für das Judentum sollten sie wie die ganze unleidliche Bewegung, deren Produkt sie ist, den Erfolg haben, daß es, zu seiner wahren Quelle zurückkehrend, endlich von manchem wertlosem Balaste befreit wird, der noch immer auf ihm lastet. Es ist Zeit, daß hüben und drüben die Wahrheit zum Siege kömmt; sie allein bringt uns den Frieden. — Quousque tandem. Wie lange noch wollen wir müssig dastehen und verzweiflen, anstatt zur That uns aufzuraffen? Wie lange noch klagen, die zahllosen Beschuldigungen hinnehmen, die unsre Feinde ersinnen, erdenken und auf dem Markte absetzen und verbreiten? Wie lange noch wollen wir grollen im Innern tief und verzagen, anstatt stolz auf unsre ewige, unzerstörbare Idee hinzuweisen, unsre Wahrheit wie eine Kriegsfahne, die nur zum Siege führt, aufzurollen allen Völkern? Sind wir Juden? Vertreten wir die Idee, die durch Jahrtausende fortbesteht und nicht dem Zeitenstrome zum Trotze untergehen kann? Ist diese Idee wahr, dann ist sie unverwüstlich. Und sie ist wahr. — Die Idee ist wahr und unverwüstlich, aber sie will Vertreter haben, Männer, die durchdrungen sind von ihrer überzeugenden Allmacht, Herzen, die fühlen und für das unerreichbare Ideal, das werden und sein will, schlagen. Und wo sind die Männer und wo ist die Idee? — Das ist die Frage. Aber wir leben in einer Zeit, wo die Wahrheit, anstatt zu überzeugen, anstatt zu bekehren, Groll und Haß erzeugt, den Neid weckt, diesen grimmigen Feind alles bessern Strebens. Das geläuterte und geklärte Gemüt soll schweigen, — . die idealen Triebe schweigen, der Funke Begeisterung nicht nach außen dringen und leuchten. Wie lange noch, fragen wir? — Hat die Zeit uns noch nicht belehrt, was wir thun müssen? Wir haben Berge aufgeführt, um einen Tunel durchbrechen zu können, haben ein Flußbett gegraben und tragen Wasser auf die Berge, um einen Fluß zu haben. Das haben wir gethan, und fahren in dieser Weise fort. Wenn wir das Leben und Streben der alten wahren Juden in seiner ungetrübten Klarheit uns Vorhalten, wenn wir den Sagenkreis lichten und das jüdische Wort, das so voll, so inhaltschwer, das das ganze Herz in sich birgt, zu unseren Ohren sprechen lassen, welches ideale Bild, welche moralische Größe entfaltet sich dann vor uns? Die Einheit ist die Idee des Judentums, eine