Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1883)
- Date
- 1883-12-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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269 innewohnt, ihren Bekennern unverfälscht erhalten bleibt. Daß das Judentum als solches durch Rohling's Angriffe nicht getroffen wird und er nur gegen Schatten kämpft, die nicht mehr vorhanden sind, gegen vereinzelte Äußerungen, die heute nur als geschichtliche Kuriosa betrachtet werden und auch ihrer Zeit wenig beachtet wurden, ist aus dem ganzen Buche ersichtlich. Selbst die Behauptung des „Adlers" Maimonides (S. 9) ist nichts weiter als die Interpretation einer talmudischen Lehrmeinung, nicht seine eigene Ansicht, da nach derselben das Christentum einen göttlichen Beruf hat, nämlich das Heidentum zu überwinden und dem Gottesreiche Boden zu verschaffen. Aber auch sonst macht Herr Rohling aus Mücken Elephanten, unterschiebt manchen Autoren Ansichten, an die sie nicht im Entferntesten gedacht haben, und legt sich durch sonderbare Jnterpretationskünste, die bald dem einfachen Wortsinn Gewalt anthun und bald wiederum nur die steifste buchstäbliche Auffassung gelten lassen, seine Beweisstellen so zurecht, daß man ein geübtes Auge besitzen muß, um die Hohlheit der auf dieselben gestützten Behauptungen zu erkennen. Wir wollen hier blos beispielsweise einige solche Übertreibungen und Unrichtigkeiten, die uns bei Durchsicht der Rohling'schen Schrift besonders ausgefallen sind, anführen und zugleich bemerken, daß wir den Verfasser von tendenziöser Mißdeutung der zitirten Belege nicht ganz freisprechen können. In Kap. I (S. 6—10) macht Herr Rohling viel Wesens daraus, daß die rabbinischen Schriftsteller „uns nicht blos als Nazarener, sondern auch als Akum u. s. w. bezeichnen". Kenner der rabbinischen Literatur wissen sehr wohl, daß der Name Nozrim (Nazarener) sehr selten in derselben auftaucht, denn die Inquirenten und Zensoren hebräischer Bücher witterten hinter jedem Satze, in welchem dieses Wort vorkam, irgend eine geringschätzige Äußerung über das Christentum. Die Furcht vor dem unbarmherzigen Griffel dieser Bücherpeiniger nötigte die Autoren, Schreiber und Drucker, an allen Stellen, an denen von Nichtjuden die Rede war, sich der im Talmud gebräuchlichen Bezeichnungen, die in der That nur für Heiden und Götzendiener galten und übrigens nicht den geringsten Schimpf gegen dieselben involviren, zu bedienen. Jedem Juden war es bekannt, daß der Christ kein Sternanbeter (Akum) sei, es wurden aber mit diesem Worte wie mit „Gojim" (was nebenbei gesagt, nicht Heiden, wie Herr Rohling übersetzt, sondern Angehörige anderer Völker bedeutet) u. drgl. alle Nichtjuden überhaupt bezeichnet, weil man, nachdem die Zensoren spezielle und deutliche Bezeichnungen nicht zuließen, keine anderen übrig hatte, als die, die bei den Lehrern des talmudischen Gesetzes schon in der vorchristlichen Zeit gebräuchlich waren. Daß die S. 10 ff. angeführten Stellen sich nicht auf Christen beziehen - man muß eben bei der heillosen Verwirrung der Texte erst aus dem Inhalte der einzelnen Sätze erraten, ob von Sadducäern, Römern oder Christen die Rede ist — ist evident. Die Deutung der Stelle Ezech. 34, 31, die durch den Wortlaut derselben nahe gelegt wird, wurde nur in ganz vereinzelten und irrelevanten Füllen als verwendbar befunden und es ist selbst den Talmudisten nie in den Sinn gekommen, diesem leicht hingeworfenen Exegema den Charakter einer allgemeinen Norm und Anschauung zu verleihen, deren Einfluß auf Gesetz und Leben sonst ein viel.,stärkerer hätte werden müssen, als es in der That der Fall war. Eine lächerliche Übertreibung ist es, wenn Herr Rohling seine Leser glauben machen will, daß nach Makkot 7 b es nur straffällig sei, einen Juden zu töten. Es ist daselbst von der auf unvorsätzlichen Totschlag gesetzten Strafe des Exils die Rede, wobei deduzirt wird, daß wenn jemand einen Nichtjuden zu ermorden beabsichtigt, aber durch Unvorsicht an dessen Stelle