Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1883)
- Date
- 1883-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 existire nicht, andere gaben gar keine Antwort, einen böhmischen Juden traf ich, der sagte, er habe das Werk, aber er gab es nicht her. Der Verfasser, Rabbi Mendel in Kossow, starb vor etwa 20 Jahren; die Schrift heißt: gan naul, verschlossener Garten, und existirt in einigen 20 Auslagen, die an verschiedenen Orten, z. B. in Lemberg, gedruckt wurden." Sie scheinen auf der Suche nach Blutstellen, die Sie gar so gerne aufspüren möchten, eine höchst dürftige und fragwürdige Ausbeute gemacht zu haben, wenn Sie, um Ihre der Wahrheit in's Gesicht schlagende Behauptung zu begründen, erst in diesen „verschlossenen Garten" eindringen müssen. Dieses Büchlein ist trotz seiner angeblichen 20 Auflagen den jüdischen Literaturkennern so unbekannt, daß dieselben erst durch Ihre Erwähnung desselben veranlaßt wurden, nachzuforschen, ob diese Schrift eines völlig obskuren Verfassers auch existire. Wir würden, wenn wir ein Exemplar derselben aufzutreiben vermöchten, Herrn Rohling mit Vergnügen damit aufwarten, damit er sich an diesem „heiligen Rabbi Mendel," wie er ihn S. 28 nennt, weidlich seine Sporen verdiene. Wie kommen aber die Millionen Juden, die Tausende ehrwürdige Rabbinen der alten und der neuen Zeit, die weder von Mendel noch vom verschlossenen Garten etwas wissen, dazu, daß sie wegen angeblich unqualifizirbarer Aeußerungen, die Herr Rohling in genanntem Buche gefunden haben will, den Vorwurf hinnehmen müssen:' Die Schriften der Rabbinen triefen von Blut?!*) Der Mendelismus, wie wir Mendel Kossows Lehren nennen wollen, und hundert anderartige willkürliche Richtungen, die wir heute unter den Israeliten aller Länder antreffen könnten, wenn wir uns die Mühe geben würden, sie aufzusuchen, sind doch wahrhaftig mit dem Judentum, dessen ewige Grundlage die von Gott offenbarte Lehre und die Mahnungen und Verheißungen der Propheten bilden, nicht identisch. Herr Professor Rohling wird doch wol wissen, daß in den jüdischen Synagogen die ganze Thora Mosis vorgelesen wird und — soweit nicht eben dem Mendelismus zu vergleichende Gegenwirkungen stattfinden, — dafür gesorgt ist, daß der Gemeinde auch nicht ein Wort derselben verloren gehe; er weiß wol auch, daß kein Sabbat und Festtag vorübergeht, ohne daß die Israeliten aus den heiligen Schriften ihrer Propheten belehrt werden. Auf diesen Grundlagen steht das Judentum unter allen Umständen und die Lehren der heiligen Schrift geben genügende Bürgschaft dafür, daß das erhabene Religions- und Sittlichkeitsideal der heiligen Schrift, das auch dem Christentum *) Da auf derselben Seite, auf der dieser Satz zu lesen ist, Herr Rohling in einer Anmerkung 1000 fl. demjenigen aussetzt, der ihm irgend eine hebräische oder aramäische Schrift eines orthodoxen Rabbiners zeigt, die für jüdische Kreise bestimmt ist und die Lehre vorträgt, daß Nichtjuden als Menschen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe, wie sie Moses lehrt, zu behandeln seien, so wollen wir hier blos, um zu zeigen, daß wir das nicht übersehen haben, auf die diesbezüglichen Lehren in dem Buche der Frommen von R. Jehuda dem Frommen, das gewiß auch nur für fromme Juden und die,., die es werden wollen, bestimmt war, verweisen, die Herr Prof. Rohling in deutscher Übersetzung und mit genauer Quellenangabe bei Zunz, zur Geschichte und Literatur S 135, 136, nachschlagen mag. Die 1000 fl., die der Herr Prof, wol nur scherzweise versprochen hat, lassen wir auf dem Vapiere. Sehr fraglich ist es übrigens, ob die Kirchenlehrer des Mittelalters diese „Grundsätze oer Gerechtigkeit und der Nächstenliebe", die doch auch dem Christen heilig sein müssen, auch auf Juden angewendet wissen wollten. „Juden und Heiden", „Juden und Häretiker" wurden in der kirchlichen Gesetzgebung als Menschen niederer Sorte behandelt. Dafür ist freilich ebensowenig die erhabene Lehre des Christentums verantwortlich zu machen, wie das Judentum für intolerante Aussprüche des Talmuds und späterer Rabbinen. Es ist eben die Exelusivität der mittelalterlichen Anschauung, die da wie dort die Geister beherrscht hat.