Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1883)
- Date
- 1883-12-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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267 Orthodoxie, haben den Schulchan-Aruch immer nur als ein systematisch geordnetes Handbuch der talmudischen Gesetzeslehre angesehen, dessen Bestimmungen von ihnen verworfen wurden, so sie durch eigenes Quellenstudium auf andere Resultate geführt wurden. So steht z. B. R. Joel Särkes, der die Philosophie die „leibhafte Ketzerei" nennt (Rechtsgutachten Ed. Frankfurt a. M. No. 4t, also gewiß ein gesetzesstrenger Jude war, nicht an, ganz offen zu erklären, daß diejenigen, die ihre Gesetzesbelehrungen nach dem Schulchan-Aruch ertheilen, die Thora in gesetzwidriger Weise behandeln, denn sie kennen die Wurzel der Belehrung nicht, wissen nicht, von wem die Bescheide ausgegangen sind und trachten für dieselben ihre eigenen Gründe aus, wodurch nur der Zwiespalt in Israel vermehrt wird (ib. No. 80). R. Meir Lublin, der als Theologe ganz auf demselben Niveau wie sein vorgenannter Heimatsgenosse steht, hat gefunden, daß der Bet-Josef des R. Josef Karo, des Verfassers des nach Rohling als kanonisch angesehenen Schulchan-Aruch, zalreiche Versehen und Jrrtümer enthalte. (RGA. Nr. 94.) Wenn Stocktalmudisten dieser Sorte, altpolnische Rabbiner, die von externer weltmännischer Bildung nicht irre gemacht wurden, so über dieses Werk und seinen Verfasser urteilten und derartige Aeußerungen keinerlei Widerspruch hervorgerufen haben, so ist das gewiß ein sprechender Beweis dafiir, daß die Seele des Judentums keineswegs im Schulchan-Aruch verkörpert ist und der tote Buchstabe doch noch nicht dem lebendigen Geiste gleichgestellt wurde. Und nun gar der Sohar! ein Buch voll wunderlicher Mystik, das die rabbinischen Heroen des Mittelalters nicht kennen, die Talmudgelehrten späterer Jahrhunderte nicht lesen, vor dessen Studium, das zur Ketzerei führe, einsichtsvolle Männer warnen, in dessen Inhalt Wortführer der strengen Alt-Orthodoxie Fälschung und Unsinn entdecken. Meint Herr Rohling wirklich, daß in ihm die Theologie des Judentums enthalten sei? Eine offizielle jüdische Theologie, einen Kanon jüdischer Glaubenslehren, der autoritative Geltung hätte, besitzen wir bis heute noch gar nicht, es ist, was wir selbst nicht einmal so billigen können, dem Gewissen jedes Rabbiners überlassen, was er lehren will, und dem Ermessen der Gemeindeverwaltungen freigestellt, den synagogalen Kultus nach eigenem Geschmacke zu ordnen. Eine Verantwortlichkeit 'des einen für den anderen, die ans einer die Gesammtheit beherrschenden Idee abgeleitet werden könnte, eine Solidarität bezüglich der religiösen Lehre und Übung ist nicht vorhanden, um wie viel weniger können Behauptungen, die in irgend einem Buche vorliegen, das der spontanen Meinungsäußerung seines Autors sein Dasein verdankt, der gesammten Judenheit zur Last gelegt werden! Sie belieben, geehrter Herr Professor, auf S. 22 Ihres Libells folgende haarsträubende Behauptung auszusprechen: „Die Schriften der Rabbiner triefen von Blut durch alle Jahrhunderte. Selbst in den letzten Dezennien wagten sie Druckwerke mit Blutstellen zu liefern, indem sie teils neue Schriften zur Empfehlung und Verteidigung des rituellen Mordes verfassten, teils die älteren Geheimwerke fortwährend neu edirten. Die neu verfaßten Bücher dieser Art werden aber, da sie ex otko im Zusammenhang die Blutlehre vortragen und deshalb durch nichtjüdische Gelehrte leichter zum Nachteil Israels ausgebeutet werden könnten, in Katalogen gar nicht oder nur selten angezeigt und sehr geheim gehalten; seit längerer Zeit bin ich auf der Suche nach einem, derartigen Schriftstücke, dessen Inhalt mir genau bekannt ist und in wörtlicher Übersetzung veröffentlicht wird, sobald ich des leider abhanden gekommenen und trotz aller Recherchen seit Monaten vergeblich gesuchten Merkchens wieder habhaft werde. Einige jüdische Buchhändler antworteten auf die Bestellung, das Büchlein 24*