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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-12-01 · Heft 12 (1.12.1883) · p. Seite 266

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 12 (1.12.1883)
Date
1883-12-01
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 Herr Rohling hat also wenigstens einsehen gelernt, daß der objektiven Betrachtung, die-das erste Erfordernis wissenschaftlicher Einsicht ist, auch auf dem Felde tendenziöser Polemik, das freilich nicht in das Gebiet der Wissenschaft gehört, ihr Recht nicht verkümmert werden darf. Auch läßt der zuversichtliche Ton, den er anschlägt, es keineswegs merken, daß er sich kampfunfähig fühlt oder gar stillschweigend für besiegt hält. Es wird nicht schwer sein, Herrn Rohling nachzuweisen, daß in dieser Schrift ebenfalls gar seltsame irrige Behauptungen und grobe Mißverständnisse Vorkommen, die jedem, der auch nur die oberflächlichste Kenntnis des talmudischen Schrifttums besitzt, sofort in die Augen fallen, aber wir miissen uns doch auch fragen, was denn Herr Rohling eigentlich beweisen will und gegen wen er seine Angriffe richtet? Herr Rohling vergißt, daß für das gegenwärtige Judentum, das durch die in dem 19. Jahrhunderte mit unwiderstehlicher Macht hervorgetretenen Reformbestrebungen in eine neue Entwicklungsphase eingetreten ist, Talmudismus, Kabbala, Gesetzescodification blos geschichtliche Potenzen, ja soweit sie mit dem prophetischen Heilsgedanken und Humanitätsideal nicht übereinstimmen, überwundene Standpunkte sind, die uns heute nichts angehen. Die denkenden Geister in unserer Mitte arbeiten unablässig daran, den Gedanken einer positiven zeit- und geistgemäßen Reform des Judentums, die ein notwendiges Postulat theologischer Einsicht und geschichtlichen Fortschrittes ist, zu vertreten und zu verwirklichen. Wer weiß es nicht, daß gerade oie inhumanen, phantastischen Aussprüche einzelner Gesetzeslehrer, denen man, was wol auch Herr Rohling zugestehen wird, zahlreiche, von der höchsten Milde und umfassendsten Menschenliebe zeugende Lehren der Talmudisten entgegensetzen kann, in neuerer Zeit auch von gelehrten Juden auf das Schärfste verurteilt worden sind und niit dazu beigetragen haben, die Autorität des Talmuds, der übrigens ein fast unplanmäßig zusammengetragenes Sammelwerk ist und für derartige Äußerungen nicht verantwortlich gemacht werden kann, zu erschüttern? Es ist wahr! der Talmud betrachtet die außerisraelitische Welt noch als heidnisch, er kennt das Christentum noch nicht als Weltreligion, er kennt die Lehre Jesu nur soweit sie innerhalb der israelitischen Stammesgenossenschaft Anhänger gefunden hat, sie ist ihm eine Häresie (minut) innerhalb des Judentums; doch enthält ebensowenig dieser Name (wörtlich Gattung, Abart) etwas Verächtliches für dieselbe als in den vereinzelten Stellen, in denen ihrer Erwähnung geschieht, Gehässigkeit gegen die Bekenner des christlichen Glaubens gelehrt wird. Des Weiteren haben ja auch die Censoren, die auf solche Stellen fleißig Jagd machten und dabei manche Böcke schoßen, wolweislich dafür gesorgt, daß sie in den neuesten Ausgaben fehlen oder in so verstümmelter und verdunkelter Gestalt erscheinen, daß man zumeist nicht weiß, ob von Samaritanern, Sadducäern, Epikuräern, Judenchristen, Römern oder Parsen die Rede ist. So ist z. B. die Stelle, die Herr Rohling (S. 8) aus Sab. 116 a anftthrt: „R. Meier (!) nannte die Bücher der Minim aven gilajon," in den neueren Talmudtexten ganz verschwunden. Es hat sich auch kein Talmudgelehrter weiter um sie gekümmert, doch hätte sie wenigstens im Interesse der Wissenschaft nicht unterdriickt werden sollen, da sie einen noch nicht hervorgehobenen Beleg dafür darbietet, daß der Tanaite R. Meir in seinen haggadischen Deutungen witzige Wortspiele gebrauchte, was nur durch wenige Stellen noch bezeugt ist. Oder glaubt Herr Rohling, wenn wir nun schon vom Talmud absehen, daß der Sohar oder der Schulchan-Aruch mit dem Judentume identisch seien? Die angesehensten, berufensten Vertreter des Rabbinismus, der alten unverfälschten

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