Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1883)
- Date
- 1883-11-01
- Page
- Seite 254 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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254 das Judentum lehren soll, ist ein crasser Unsinn, der nur noch von der Ansicht Caspi's übertroffen wird, daß der universalistische Gedanke des Judentums, wie ihn die Propheten gelehrt, nicht im Wesen des Judentums begründet sei. Wenn wir auch den prophetischen Geist ächten und aus unserer Mitte bannen und als Nationaltrümmer auf dem Völkerocean dahinziehen, so ist unser Untergang gewiß. Wir müssen den heiligen Geist der Propheten, der sich trotz aller Kämpfe von innen und außen ununterbrochen bei einigen Geistern doch noch in Israel erhalten hat, pflegen, denn sein Aufhören bedeutet unseren Tod, wie sein Bestehen unser Leben und unsere Unsterblichkeit bedeutet. Caspi, der am Judentume, wie wir bis jetzt gesehen, nichts übrig gelassen, als den dürren Stamm, dem nur die Axt fehlt, gefällt zu werden, giebt nun der Edith im Bezug auf die Riten, die ihr lächerlich erscheinen, zum Schlüsse seine Abbröcklungstheorie zum Besten. Wie vieles, ruft er aus, hat sich bereits vom Talmudismus abgebröckelt, seitdem im Judentume ein frischer Hauch durch Moses Mendelssohn und durch den Beginn der Emancipation zu wehen anfing! Nach des Verfassers Standpunkt ist ja eigentlich am Judentume, dem er alles genommen, seine Religion, seinen Gott, die Andacht, den Unsterblichkeitsglauben, die Propheten, gar nichts mehr vorhanden, als die nach und nach sich abbröckelnden thörichten Riten und äußerlichen Bräuche, von denen man doch nicht recht behaupten kann, daß sie heute noch dazu dienen, den heidnischen Samen aus dem Herzen des gedankenlosen Volkes zu bannen oder gar, daß sie als Umzäunungen dienen, damit der täppische Fuß die zarte Pflanze im Garten nicht zertrete. Was ist denn das eigentlich für eine heidnische Umgebung, vor der Sie faseln? Darunter könnten doch nur Juden mit Ihrer Gesinnung gemeint sein, denn die übrige gebildete Welt atmet religiös semitischen Geist und was sie als heidnische Umgebung ansehen, von der man sich absondern muß, und was in dem Garten ihres Judentums für zarte Pflanzen wachsen, weiß ich wirklich nicht. Ich habe nur Unkraut und Giftpflanzen in demselben üppig aufwuchern sehen und brauchen Sie diesen Garten gar nicht zu hüten, da er auch offenstehend Niemandem einladend genug scheint, um in denselben einzutreten. Sie brauchen mit ihren thörichten Anschauungen gar nicht den Juden zu empfehlen, daß sie den Schmollwinkel einnehmen und sich strenge separieren, da ein Anschluß Gebildeter, Religiöser, an Männer solcher Gesinnug, wie Sie, Herr Caspi, sind, außerhalb und Gott sei Dank auch innerhalb des Judentums bei allen weder gesucht noch gewünscht wird. Wozu und für wen Sie noch ihr religionsloses Gesetzesjudentum, diesen crassen Religionsmaterialismus, zum Besten geben, der sich nach Ihrer Theorie nach und nach abgebröckelt hat, abbröckelt und ganz abbröckeln soll, ist mir unerfindlich. Es hat sich auch vieles Unschöne an das Judentum angesetzt und setzt sich noch an und bei dem größten Teile der Jllden ist von Ihrer Abbröcklungstheorie nichts zu merken. Bis dahin sollen nach Ihrer Meinung die auf der Culturhöhe stehenden Juden, damit sie auf die Niederstehenden Einfluß haben, diese Riten und wenn sie noch so dumm und lächerlich, ja sogar dem Geiste des Judentums zuwider sind, nicht verletzen, sie sollen also Heuchler sein und, um Einfluß zu haben, mit dem Heiligsten, mit der Religion ein frevles Spiel treiben. Also anstatt daß die Geistesgrößen auf die Niederstehenden einwirken, sie für das Bessere erziehen und sie so zu sich emporziehen sollen, soll in Israel der Geistespöbel maßgebend sein und seine Großen zu sich herabzerren. Der Ritualisinus soll gleichsam das Ordenszeichen eines Bundes sein, aus dem längst der Geist gewichen und das Leben geflohen. Soll das Gesetz so herabsinken, daß sich unter seinem Zeichen gottlose religionslose