Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1883)
- Date
- 1883-11-01
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Grenze findet, hier strömt die ewig frische Quelle des Idealen, die Quelle aller Religion und Poesie, die zum breiten Strome wird, an dessen Ufern liebliche Gefielde sich Hinbreiten sollen. Mit aller Zellenweisheit wird es nicht gelingen, das Gebäude der Moral und Ethik auf festen Grundlagen aufzuführen, und wenn die Religion tot ist, dann wird, der Verfasser mag es glauben oder nicht, geistige Verwilderung alle Kreise ergreifen und statt der Humanität wird Bestialität das Scepter führen, die uns jetzt schon ihre Krallen zeigt. Ohne Offenbarung verwildert das Volk und wo die Religion tot ist, hat das Herz zu schlagen aufgehört, aus dem neues Leben durch das Geäder der Menschheit sich ergießet. Die Religion ist und bleibt die Großmacht in der Menschheit. Wo sie fehlt, verliert das Leben seinen höheren idealen Wert, und jener heilige Drang der Liebe des Menschen zu dem Menschen kann sich nur nähren aus dem unerschöpflichen Born der Liebe zu Gott, des Vertrauens auf Gott, des Glaubens an Gott. Wie lächerlich erscheint darum die Äußerung Caspis, daß der Protestantismus, bei dem die Moral mit der Religion verquickt sei, am schlimmsten daran sei. Bleiben Sie, lieber Caspi, von dieser Seite des Protestantismus, der in diesem Punkte eine echte Tochter des echten Judentums ist, weg, und geben Sie sich nicht niit Dingen ab, die Sie nicht verstehen! lernen Sie erst einsehen, daß Moral und Religion im höhern Sinne eines und dasselbe seien, verschiedene Benennungen nur eines und desselben Begriffes! Das wäre eine schöne Moral, die von der Religion losgelöst wäre, das wäre eine Sonne ohne Licht, ein viereckiger Kreis, trockenes Wasser, kaltes Feuer. Wir möchten den Verfasser bitten, in Zukunft sich in seiner albernen Selbstgefälligkeit Genüge sein zu lassen und nicht auch noch an externe Religionsgenossenschaften betrachtend sich heranzumachen, denn es könnte nach außen mißdeutet werden und mehr als Lachen erregen, was uns gerade jetzt nach innen nicht sehr willkommen schiene. Auch ist es falsch, anzunehmen, Strauß hätte den festgefugten Bau des Christentums untergraben; nur Formen können durch die Kritik zerstört werden, aber der in ihnen sich bergende Geist tritt dadurch nur desto klarer und schöner hervor, und von Evangelienkritik zum Unglauben ist ein weiter Sprung, den Strauß gewagt, aber dabei geistig untergegangen ist. Ganz bei Seite sollte doch der Verfasser in Zukunft Bezeichnungen wie „klug" für die katholische und griechische Kirche lassen, weil sie die Wunder in Gegenwart und Zukunft noch anerkennen. Denn Bezeichnungen wie „klug" bei Beurteilung großer weltgeschichtlicher Geistesfactoren sind nicht nur höchst unpassend und widerlich, sondern sie gewähren einen traurigen Einblick in einen von Dünkel und Realismus erfüllten Sinn und können zu allerlei Mißverständnissen und Rückschlüssen unangenehme Veranlassung geben. Nun nachdem Caspi alle Wunder weggeworfen und alle Brücken abgebrochen, will er, indem er Materie mit Geist verwechselt und bald von Juden und bald wieder vom Judentum spricht, deren oder dessen Bestand doch auch unleugbar ein Wunder der Geschichte ist, sich dieses so erklären und zurechtlegen, als wäre hier die Religion im Bunde mit der Nation und nicht mit der Moral, wie im Protestantismus es einzig und allein, was diese hochgradige außerordentliche wunderbare Wiederstandsfähigkeit bewirkt. Also die Religion im Bunde mit der Nation, nicht im Bunde mit der Moral, ist das' Ideal seines Judentums! das ist das reinste Racenjudentum, baar jedes höhern idealen Gehaltes, ohne jene universalistische Tendenz, die schon vor der Entstehung des Christentums von seinen größten Geistern als der Kern und das Wesen desselben betrachtet worden ist. Der gerechten Frage Ediths nach diesen Auslassungen, daß, wenn wir den Stamm,