Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1883)
- Date
- 1883-11-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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247 hat. Geistigen Fragen tritt man nicht mit leiblichen Antworten gegenüber und umfassende, weltbewegende Ideen haben mit einseitigen Schilderungen gesundheitlicher Zustände durchaus nichts zu thun. Caspi ist durch ein wenig zeitgeschichtliche statistische Lectüre über Hygiene so außer Fassung, daß er den richtigen Maßstab zur Beurteilung der an ihn gerichteten Fragen ganz verliert. Sieht Edith mit ihrem krankhaften Geistesblicke das Judentum herabgedrückt, vielleicht gar vernichtet durch die Culturerrungenschaften unseres Jahrhunderts, so sieht Caspi, in nationaler Selbstgefälligkeit verstrickt, es auf der Höhe und in seiner ganzen Vollkraft, indem er die Cultur unseres Jahrhunderts, die er vom hygienischen Standpunkte aus einseitig betrachtet, ganz ihres Glanzes und Schimmers entkleidet, uni sie dann doch wieder später ebenso übertrieben zu verherrlichen und zu verhimmeln. Allen Ernstes besitzt Caspi die Naivetät, eine eminent geistige Frage über die Zukunft des Judentums dahin zu beantworten, Europa sei krank, nicht geistig metaphorisch, sondern leiblich wirklich. Weist Edith auf das Geistessiechtum des Judentums hin, so zeigt uns Caspi das leiblich sieche Europa, denn so stehe es ziffermäßig geschrieben in Prof. Alexander von Oettingers Moralstatistik in ihrer Bedeutung für die Sozialethik, und Sodom und Gomorrah wären Tugendstätten noch im Vergleiche zu Centren der Civilisation, wie London, Paris, Wien, Berlin, Rom u. A. Fast will es uns bedünken, daß Ediths Schwarzseherei von ihrem Standpunkte und von ihrer engen Auffassung des Judentums aus berechtigter sei als die Caspi's in Bezug auf Europa. Und was haben denn schließlich gesundheitliche Zustände mit der angeregten Frage zu thun? Judentum und Christentum sind Ideen, geistige Potenzen, geniale Weltinstitutionen, die mit dem körperlichem Befinden der Großstädter gar nichts gemein haben, abgesehen davon, daß es doch auch Menschen auf dem flachen Lande giebt und zudem es so schlimm mit den Bewohnern der Großstädte denn doch nicht beschaffen sein wird, daß man nicht durch energisches Eingreifen bessere Zustände herbeiführen könnte. (Man ist bemüht durch Hebung der Religion diesem Nebel zu steuern. Man lese hieriiber Hermann Dalton's jüngst erschienene Schrift „Der sociale Aussatz", Hamburg, 1884. Das jüdische Familienleben ist in Rußland, wo das Gesetzesjudentum in voller Blüte steht, gerade auch kein solches, auf das wir stolz zu sein Ursache haben. Man vergleiche nur die vielen Klagerufe der Frauen, denen ihre Männer durchgegangen sind, von denen die dort erscheinenden Zeitschriften im Annoncenteile Kunde geben. Eine Reform des Judentums würde dort nach dieser Seite verbessernd auf diese Zustände zu wirken im Stande sein.) Edith wird zwar durch Caspi's niitgeteilte statistische Notizen wie vor einen schwindelnden Abgrund gestellt, aber ihre hohlen Culturschwärmereien werden ihr dadurch nicht genommen, da Caspi selbst von ihnen keineswegs so frei ist, wie er zu sein vorgiebt oder vielleicht selber meint. Er will alles Licht auf Nationalisrael strahlen lassen und häuft darum so viel Schatten auf die europäische Kultur, von der er im Grunde mehr angekränkelt und angefressen ist, als man bei seinen abfälligen Urteilen über dieselbe vermuten sollte, denn sonst würde er nicht den Mund so voll nehmen und von dummem Wunderglauben sprechen, dem die Kritik der modernen Zeit das Gegengewicht biete und über welche die oberen Zehntausend, zu welchen er auch zu gehören scheint, sehr nüchtern geworden seien. Da die alten Wunder nun einmal, wie Caspi meint, außer Cours gekommen sind, obzwar dieses in sehr eingeschränktem Maße gilt, da die Idee des