Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1883)
- Date
- 1883-11-01
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Stellung in der Welt und seine Bedeutung zu schreiben, das Wichtigste ab, es fehlt ihm ein geistiger, religiöser Standpunkt, den alle Dialektik nicht ersetzen kann, mit welcher der Schreiber allzureich gesegnet ist. Darum umgeht er auch mehr die an ihn gerichteten Fragen, als daß er in dieselben eingeht, und gleitet über dieselben mit stylistischer Glätte hinweg, ohne in ihren Kern und in ihr Wesen tiefer einzudringen. Es ist darum auch von einer genügenden Befriedigung in Bezug auf die Lösung der an ihn gerichteten Fragen keine Spur vorhanden und die Dame hat es bewiesen, daß sie in der That viel Paradoxes mit anhören und ertragen kann und daß auch eine Dosis Gesinnungslosigkeit sie nicht so leicht außer Fassung zu bringen im Stande ist. Wir müssen Caspi die Worte, die einst Schüler zu ihrem Meister sprachen, in Erinnerung rufen, als sie sahen, wie er Heiden, die auch allerlei Fragen an ihn richteten, mit geschickter Antwort abwies, welche diese zu befriedigen schienen, während dieselbe ihnen nicht im Entferntesten imponierte. „Diese", sprachen sie, „hast du mit einem Halnie umgestoßen, was willst du uns antworten?" Mit solchen Antworten kann man nicht einmal religiös angelegte gedankenlose Frauen, um wie viel weniger tiefer denkende Männer, befriedigen, die sich noch einen Funken von ehrlichem Sinne und religiösem Charakter gewahrt haben, besonders wenn ihnen ein Einblick in den Ursprung, das Wesen, die Entwicklung des Judentums, wie in dessen Bedeutung und Beruf gegönnt ist. Wir würden dem Verfasser, der von der englischen Dame schreibt, daß sie früher von Wagners hochromantischer Musik sich mit ihm unterhalten, raten, lieber in Zukunft dieses Thema in einem Briefwechsel zu behandeln, denn der über das Judentum ist unharmonisch, ein schriller Mißton, eher geeignet, das Gleichgewicht einer normalen Seele zu stören, als ein gestörtes, worüber Edith klagt, wieder herzustellen. Gleich vielen geistig schwach angelegten Naturen glaubt auch Edith, berauscht von der modernen Halbbildung und von der eitlen Tageswissenschaft, daß das Judentum, welches für sie persönlich wenigstens noch den Wert einer lieblichen Familienidylle besitzt und ihr darum als theuere Religion gilt, überflügelt sei von der Cultur der Zeit, da sich die jeunesse durde und jeunesse argentde, denen Judentum und Christentum gleichwertige Nullen sind, und die ganze Schaar von jüdischen Anwälten, Richtern, Docenten und Künstlern über dasselbe hinaussetzen. Soll die Cultur der Totengräber des Judentums werden? ruft Edith aus, der ein Bild nicht aus der Seele will, das ihr immer vorschwebt und das sie zur Vergleichung vorführt, wie aus einem Hospital eine Person, die bessere Tage gesehen, als Leiche weggetragen wurde, hinter deren Sarge ein Krüppel und ein altes Weib folgten. Ja das Judentum, wie es Caspi hinstellt, und das Edith, die Culturschwärmerin, mit demselben wieder aussöhnt, ist nicht nur von der Wissenschaft der Zeit überflügelt, es ist auch in sich selber überwunden, es hat sich von seiner lebendigen Quelle, dem Prophetentum, gar weit entfernt, es ist tot und nur Geisteskrüppel und gedankenlose Menschen treiben mit ihm noch verderblichen Götzendienst, zum Nutzen und Frommen einiger Heuchler und Betrüger, die es wie eine Waare behandeln, mit der man Geschäfte treibt. Soll das Judentum zum Paganismus herabsinken? so fragt Edith, die einer tragischen Stinlinung bei Ausschau in die Zukunft des Judentums sich nicht erwehren kann, und Caspi ist mit einer Antwort leicht zur Hand. Einer großen Geistesfrage gegenüber, wie der über den Bestand des Judentums in der Zukunft, nimmt er einen materiellen grobsinnlichen Standpunkt ein und entrollt vor unseren Augen durch seine hygienischen Auslassungen ein Bild, das mit dem Judentum als solchem absolut nichts zu thun