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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-11-01 · Heft 11 (1.11.1883) · p. Seite 243

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 11 (1.11.1883)
Date
1883-11-01
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 keinen Raum zur Entfaltung mehr läßt. Diese Scheidung zwischen Menschtum und Judentum ist ebenso schädlich als verwerflich. Nein! Israelit werden, das heißt, eben erst recht Mensch werden, das heißt, alles Niedrige und Unmenschliche von sich abstreifen und Gottähnlichkeit anstreben, gerecht und gütig und liebevoll und versöhnlich werden, wie unser Vater im Himmel es ist. Göttlichkeit und Menschlichkeit, Religion und Erkenntnis, die hängen eng und innig miteinander zusammen. Nur wer den wahren, reinen, gediegeilen, erhabenen Gottesgedanken in sich ausgenommen hat, wie ihn das Judentum uns lehrt und verkündet, hat die Höhe echter edler Menschlichkeit erstiegen, hat die Tugend, die den Menschen adelt, für sich zu einer beherrschenden Macht erhoben, die in unseren Thaten uns das Gebot der Würde, der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe und der Friedfertigkeit zur Seite stellt und uns dazu erweckt und antreibt, daß wir es im Leben bewahren und verwirklichen! Freilich, ein Jsraelite zu sein in des Wortes wahrem, edlem und erhabensten Sinne ist nicht so leicht. Nicht jeder, der jeden Morgen seine Gebetriemen anlegt, am Passahfeste seine Mazza ißt, an Succoth seine Hütte aufstellt und an dem heutigen Freudenfeste seine Thora trägt, ist damit schon Jude. Die Thora ist nicht so sehr bet. denen, die sie am Arme, als vielmehr bei denen, die sie im Herzen tragen, die sie ehren und lieben und erheben und verherrlichen. Wahrlich es ist sonderbar, ruft ein Weiser unserer Vergangenheit aus, daß so viele Menschen sich ehrfurchtsvoll erheben, wenn die Thorarolle dahergetragen wird, und sich nicht regen und rühren, wenn es gilt, den Geist dieser Thora zu ehren, die Wissenschaft des Judentums zu fördern, den Männern sich teilnahmsvoll zuzuwenden, die durch ihr Denken und Forschen neue Lichtschätze hervorgraben aus den Tiefen unserer Lehre, die Achtung und Ansehen verschaffen dem Glauben Israels, indem sie seine Hoheit darthun und hervorheben, seine glanzreiche Entwickelung mitten in Zeiten trüber Leiden und dichter Finsternis. Nein! Das Judentum besteht nicht in leeren Redensarten, in blassem Schimmer, in wesenlosem Scheine, den man jeden Augenblick bei Seite legen und unsichtbar machen kann, wenn man eben int Gewände einer anderen Anschauung sich zeigen will, es besteht aber auch nicht in grauen Versteinerungen, in starren Formen und sinnlosen Bräuchen, die das Leben beschweren, ohne es zu veredeln, die inan nur künstlich aufrecht hält, um- Streit und Hader zu wecken und dem Trotze und der Rechthaberei zu geniigen. Die Lehre des Judentums ist eine Religion des Geistes und zugleich eine Religion der That. Das wahre Judentum und das wahre Menschtnm, die sind ein und dasselbe, das eine ist die untrügliche Lehre und Weisung, die uns das richtige Ziel nicht verfehlen läßt, das andere ist die Erfiillung unb Verwirklichung dieser Lehre, die aber da nicht zu erhoffen ist, wo man eben auf die Mahnung nicht achtet und nur die so getrübte und mangelhafte, bei aller Erkenntnis noch unsichere und zweifelhafte Einsicht als den alleinigen Führer des Lebens betrachtet. Jede Einseitigkeit, die Alles, was über sie hinausgeht, geringschätzt und ausschließt, ist von Schaden, so im Leben der Gesellschaft, so auch auf dem Gebiete der Religion. Die trockene Verstandesrichtung, bei der das Herz verödet und verkümmert, ist ebeitso widerlich wie süßliche Gefühlsschwärmerei, die den Geist bethört und umdüstert, wie leere Werkheiligkeit, die von bewußter Selbsttäuschung ausgeht, mit lästiger Aufdringlichkeit sich mehr vor den Menschen bemerkbar zu machen sucht, als vor Gott, der dadurch geehrt werden soll. LorsseRitb! Israel! gehöre als Mensch der Welt an, bethätige es als Jsraelite, daß der Geist der Religion dich mit 22*

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