Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-11-01 · Heft 11 (1.11.1883) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 11 (1.11.1883)
Date
1883-11-01
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969710--0876-2971314
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

242 Rede ausdrttcken: Schön ist es, wenn Wissen und Tugend, wenn Aufklärung und Fröinmigkeit, wenn Religion und Weltsinn, Kenntnis der Thora und allgemeine Bildung wohl vereint sind, denn, wo beide sich zusammenfinden, wird weder der erstarrende Frost der Gleichgiltigkeit noch die verzehrende Glut des Glaubenshasses das Herz erfassen und ein friedliches, menschenwürdiges gottgefälliges, freudenreiches Leben sich entfalten, das dem Einzelnen zum Heile gereicht und zuni Segen der Gesammtheit. Wir wollen heute sehen, wie Religion und Wissenschaft, wie Judentum und Menschtuin zu einander sich einen und fügen und wie aus der Verbindung beider reiche Wonnen erblühen unserer Seele, beglückende Segnungen unserem Leben. Das letzte Wort der Thora bezeichnet uns zugleich das Ziel, zu dem sie uns hinführen will. Sie will uns zu Israeliten machen, die mit unverbrüchlicher Treue die Lehre ihrer Väter bewahren, die, wohin sie die Hand des Geschickes auch führen mag, doch nie den Boden ihrer heimischen Religion verlassen, sondern sich gleich bleiben und an den Ueberzeugungen und Ueberlieferungen festhalten, welche von jeher in ihrer Mitte Geltung und Anerkennung hatten, die, so viele auch der Prüfungen und Verlockungen an sie herantreten mögen, nie verleugnen und preisgeben den Glauben der Wahrheit, der sich bei ihnen vererbt hat von Geschlecht auf Geschlecht, von Jahrhundert auf Jahrhundert. Sie will uns zu Israeliten machen. Was ist das? Es hat nianche bethörte Schwärmer der Aufklärung gegeben — denn auch in diesen Kreisen ist oft die lieblose, vorurteilsvolle Unduldsamkeit zu finden, die jeden verdammt, der nicht zu ihrer Fahne schwört, — die haben sich in den Gedanken hineinverirrt, um Mensch zu werden, müsse man anfhören Israelit zu sein, Judentum unb Menschtuin seien unversöhnliche Gegensätze und man habe nur die Wahl zwischen beiden, entweder Jude sein, dann aber alle die Misbräuche und Verkehrtheiten, die unter dem lähmenden Drucke der früheren Zeiten aufgekommen sind, mit in den Kauf nehmen, so daß es dem, der dieser Richtung sich zuwendet, keinen Unterschied geben darf zwischen dem erhabenen Gebote, den Nächsten wie sich selbst zu lieben und dem lächerlichen Brauche, vor dem Versöhnungstage einen Hahn dreimal um den Kopf zu drehen—oder Mensch sein, dann aber Alles fallen lassen, was heilig und ehrwürdig ist, den Glauben an Gott, die Achtung der Thora, die Feier der Feste, die thätige Teilnahme an der Vollführung aller der hohen und segensreichen Werke, die'von Israel ausgehen sollen, weil hier der Boden ist, auf dem sie festen Bestand und dauernde Grundlage finden. Wir wissen, wie die Saat dieser verderbten Anschauung, dieses verhängnisvollen Jrrtuins, auf den Gefilden unserer Glaubensgemeinde in den letzten Jahrzehnten reichlich aufgegangen, wild emporgewuchert ist, Gegensätze hervorgetrieben hat, die dem wahren Judentums zum Schaden, zur Unehre gereichen, es herabwürdigen in den Augen seiner Bekenner, es erniedrigen in den Augen der gesammten Welt. Da herrscht die völlige Gleichgiltigkeit gegen Alles, was nur irgendwie an Religion und Judentum anknüpft, dort eine bösartige Glaubensleidenschaft, die alles scheel ansieht und mit finsteren Blicken verfolgt, was nicht in den Fesseln der starren steifen Satzung einhergeht. Da eine weite unwirtliche Sandwüste, aus der hie und da noch dürres Gras, welches den Boden bedeckt, hervorlugt, dort ein verwildertes Ackerfeld, auf welchem man fruchtbringende Halme bald nicht mehr zu erkennen vermag, weil sie umwunden sind von gemeinen Schlingpflanzen, die sich hier ausgebreitet, überwachsen von Unkraut, das dein Boden seine besten Säfte entzieht und schließlich den edleren Pflanzungen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.