Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1883)
- Date
- 1883-10-01
- Page
- Seite 238 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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238 und das war eigentlich nicht einmal eine religiöse Fehde, — alle anderen religiöse Streitigkeiten waren nur literarischer Natur. So Anan, welcher angeführt wird, der Stifter der Karäerseite, welcher die Tradition d. h. die Entwickelung des Judentums leugnete und dasselbe auf den starren Buchstabenglauben des Mosaismus beschränken wollte, hat diese Bewegung nur aus Gründen des Ehrgeizes und des persönlichen Eigennutzes hervorgerufen. Und dennoch ist der ganze Streit nie anders, als literarisch geführt worden, nie hat Anan einen persönlichen Angriff erfahren. So Albalchi (Albalag) und Zarza; beide Schriftsteller in der spanischen Periode des Mittelalters, von untergeordneter, wenigstens nicht von hervorragender Bedeutung, deren philosophische und religiöse Anschauungen literarische Gegner fanden, aber von einer fanatischen Verfolgung ihrer Person ist nirgends die Rede. So Acosta, ein Vorläufer Spinoza's; er erregte Anstoß durch seine Leugnung der Unsterblichkeit, wie überhaupt durch seine freisinnigen Schriften. Er wurde zum Widerruf aufgefordert und widerrief auch, aber anscheinend widerwillig. Dieser Zwiespalt seines Innern drängte ihn zum Selbstmord. Auch der christliche Klerus jener Zeit zwang den freisinnigen Philosophen Cartesius zum Widerruf. Die Vorgänge im Judentum standen wol nicht außer Zusammenhang mit den gleichen im Christentum; von einer persönlichen Verfolgung Acosta's aber durch die Juden weiß die Geschichte nichts. So war auch der Streit gegen Maimonides, ohnedies künstlich hervorgerufen, auch gegen seine Schriften, nicht gegen seine Person gerichtet; in gleicher Weise verhält es sich mit Mendelssohn. Damals leuchtete ohnedies schon das Morgenrot der neuen Zeit, und nur einzelne Dunkelmänner waren es, welche sich in dem Halbdunkel noch einmal hervorgewagt hatten. Aber auch hier war der Kampf nur gegen seine Schriften, nicht gegen seine Person gerichtet. Das Mittelalter hatte aber auch unter den Juden einzelne Finsterlinge erzeugt, denen gegenüber der Durchbruch des Lichts einen Kampf zu bestehen hatte. Bei Mendelssohn fürchtete man sogar die deutschen Lettern seiner Schriften, man fürchtete darin die Einschniuggelnng neuer Ideen der Aufklärung. Trotz all dem litt Mendelssohn aber nicht unter einer fanatischen Verfolgung, es kam sogar bei ihm nicht mehr zu einer literalischen Fehde, seine Schriften wurden nur von Einzelnen angefeindet und zurückgewiesen. Dies war eben die Folge der kabbalistisch-ascetischen Richtung, die teils eine Nachahmung des christlichen Mittelalters war, teils durch dasselbe veranlaßt wurde, weil man die Ideen der Freisinnigkeit und Aufklärung überall, bei Juden und Christen, hemmte und unterdrückte, weil man Juden sogar von den allgemeinen Stätten der Bildung und Aufklärung ausschloß. Kein Wunder, daß da solche Erscheinungen geistiger Verfinsterung bei Einzelnen noch lange anhielten; daß sie aber nicht allgemein vorkamen, geht daraus hervor, daß trotzdem Juden geistig und sittlich sich so hoch hielten, daß sie alsbald mit den Christen gleichen Schritt hielten, als ihnen die Wege der Wissenschaft, der Kunst, des gewerblichen, socialen und politischen Verkehrs und Lebens geöffnet wurden, welche ihnen die Kirche so lange verschlossen gehalten hatte. Kohn, der erwähnt wird, war ein Rabbiner deutscher Aufklärung. Er candidierte um die Stelle im polnischgalizischen Leniberg, wo er von einem dummen Küchenjungen vergiftet wurde. Wie wenig dies im Sinne der Gemeinde war, geht daraus hervor, daß sofort mein Vorgänger im hiesigen Ainte, Dr. S. Adler-Newyork, aufgefordert wurde, sich um die Stelle zu bewerben. Ging diese That mit Sicherheit aus religiösem Fanatismus hervor, und wenn — wäre dafür das ganze Judentum verantwortlich zu machen? Es wird behauptet, jetzt werde unter uns gegen den