Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-10-01 · Heft 10 (1.10.1883) · p. Seite 239

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 10 (1.10.1883)
Date
1883-10-01
Page
Seite 239 (sequence 23)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969709--0872-2971309
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

239 herrschend gewordenen Fanatismus und gegen die altbekannte Verfolgungssucht der Juden von Einzelnen gepredigt, uns ist weder von solchem Fanatismus und solcher Verfolgungssucht, noch voll solchen Predigten etwas bekannt; wir haben unter uns keine Veranlassung von Fanatisinus und Verfolgung zu reden, wenn sie uns nicht von anderswoher gegeben wird. In gewohnter antisemitischer Weise wird auch vom Wucher der Juden gesprochen. Es ist bekannt, daß dieser religionsgesetzlich den Juden verboten ist, und daß kirchliche und Staatsgesetzgebung den Juoen alle Erwerbszweige abschnitt und sie zu Geldgeschäften und Wucher zwang. Gar manche Lebensthätigkeit ist den Juden heute noch versperrt oder erschwert, Gewohnheit und Vererbung, Jahrhunderte bei den Juden erhalten, können in Jahrzehnten sich nicht vollends verwischen; wir leugnen daher nicht, daß Beispiele von Wucher sich noch bei einzelnen Juden vorfinden, — also die gefürchtete Geschichtsfälschung, daß wir jedes Beispiel von Wucher bei den Juden in Abrede stellen würden, beruht bei uns auf falscher Vorraussetzung, — jedoch sind wir dessen sicher, daß die Beispiele auf christlicher Seite, wo doch nicht gleiche Vorbedingungen obwalten, im Verhältnisse eben so zahlreich sind. Diesen vereinzelten Beispielen jüdischen Wuchers und der Aussaugung, wie man es zu nennen beliebt, stehen auf jüdischer Seite hundert Beispiele jüdischer Barmherzigkeit und thätiger Nächstenliebe, an Christen geübt, neben vereinzelten Beispielen „christlicher Liebe" und „praktischen Christentums" gegenüber; und daß christliche Liebe auch Juden zu Gute käme, ist noch seltener. Die Neuzeit spricht eher für einen beabsichtigten Vernichtungskrieg der Christen gegen die Juden, und die Juden sind trotzdem nicht liebloser gegen die Christen geworden. Die Moralitätsziffern der Statistik sprechen überall zu Gunsten der Juden, und die Füllung der Gefängnisse und Zuchthäuser sprechen noch deutlicher dafür; es gibt sogar Verbrechen anderer und noch gröberer Art, als der Wucher, welche unter den Juden durchaus nicht Vorkommen. Diese Behauptungen beruhen nicht auf Geschichtsfälschung. Wenn nun Philippson und ich der Geschichtsfälschung bei der Behauptung geziehen werden, daß Jesus nicht von Juden, sondern von Römern gerichtet und getötet wurde, so verweisen wir auf die kritischen Forschungen nicht blos jüdischer, sondern auch christlicher Theologen, welche Nachweisen, daß die Abweichungen in den bezüglichen Berichten der Synoptiker und des Johannes auf Fälschung beruhen, um den Römern den Glauben an Jesus, den sie gewaltsam gemordet hatten, genehmer zu machen. Berühmte christliche Historiker haben nachgewiesen, daß die Geschichte der römischen Kaiser, welche die Christen verfolgten, von christlicher Hand gefälscht worden ist, um ihnen Feindschaft gegen die Juden und Freundschaft gegen die Christen anzudichten. Auch die Verfolgung des Stephanus durch die Juden ist als gefälscht nachgewiesen und so vieles andere; es ist auch bekannt, daß die Erzählung des Josephus über Jesus von christlicher Hand gefälscht und eingeschoben worden ist. Und ist die bekannte Fälschung päpstlicher Decretalien, wie die Anklage der Juden auf Hostienschändung, Kirchenraub, Christenmord in alter und neuer Zeit etwas anderes, als die Fälschung von Thatsachen, — also Geschichtsfälschung? Dem Judentum wird Fanatismus und Verfolgungssucht vorgeworfen! Im Judentum kommt kein Massenmord vor, wie bei der Bekehrung der Sachsen durch Karl den Großen; im Judentum kommen nicht vor so grausame Marterwerkzeuge und Todesarten wie in der Inquisition, keine so grausame Missionskriege, wie die der Spanier in Amerika und der Engländer in Indien. Aber doch klagen wir das Christentum nicht an, es steht schon als Tochter des Judentnms bei uns in hoher Achtung. Wir kennen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.