Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1883)
- Date
- 1883-10-01
- Page
- Seite 236 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Der Hauptinhalt des gegnerischen Artikels sind Schimpfereien; diese sind immer ein Beweis, daß es an wirklichen Gegengründen fehlt. Es wird zunächst auf die Bannbulle hingewiesen, welche jüdischerseits gegen Spinoza erlassen worden ist; wir haben diese Thatsache nicht geleugnet. Weder diese aber, noch der mörderische Angriff eines Juden auf Spinoza geben den Beweis ab, daß die Juden geschoben haben, statt daß sie geschoben worden sind. Spinoza war in der Gemeinde und Gesellschaft ein macht- und einflußloser Mensch, der in stiller und bescheidener Zurückgezogenheit seinen Studien oblag. Wen genierte seine abweichende Ansicht, und wie sollte diese zu, unter den Juden unerhörten, persönlichen Verfolgungen Veranlassung gegeben haben? Es ist historisch bekannt, daß von Anfang an wie während des ganzen Mittelalters die meisten Anfeindungen und Verfolgungen der Juden vom christlichen Klerus ausgingen; die Staatsbehörden waren meistens Beschützer der Juden, die Kirche war ihre Verfolgerin. So auch in Spanien und Holland. Der jüdische Geist der Wahrheit und Freisinnigkeit war dem christlichen Klerus zu mächtig und zu einflußreich; darin haben Angriff und Verfolgung gegen die Juden ihren Grund. So erklärt sich die Verfolgung des Maimonides, Acosta's und Spinoza's; die Verfolgung des Maimonides fällt zusammen mit derjenigen der Albigenser. Dieselbe traf zwar nur seine Schriften, er selbst war bereits gestorben; indeß waren jene auch während seines Lebens unbehelligt geblieben. Nach seinem Tode beteiligten zwar auch Juden sich an dieser Verfolgung; jedoch waren diese auch hier wieder die Geschobenen und nicht die Schiebenden. Die Anregung dazu ging auch von Südfrankreich aus, von da gerade, wo der Kampf gegen die Albigenser, die freisinnigen, antipäpstlichen Sektirer, wütete. Wäre dem nicht so, wie hätte Maimonides ein solches Ansehen, das Ansehen eines der größten und einflußreichsten Lehrer in Israel, gewinneu und alle Zeiten hindurch bis heute sich bewahren können? Die jüdischen Religionsphilosophen wurden eifrig von den Christen studirt und mit Recht wurde erkannt, daß mit ihnen die philosophische, freisinnige, humanistische Reformbewegung vorbereitet werde. Die Scholastik jener Zeit war teils ein Zugeständnis für die Berechtigung dieser Richtung, teils ein Mittel, dieselbe seitens der Kirche zu beherrschen. Man durfte denken, aber nur in der Weise, wie die Kirche es zuließ. Auch im Judentum suchte man damals, ähnlich wie in der Kirche, den Strom des freien Denkens einzudämmen, durch Kabbalah und Ascetik. Das Judentum war eben in keiner Periode frei von den Bewegungen seiner Zeit und Umgebung; auch haben wir schon früher zugegeben, daß es zu jeder Zeit Finsterlinge unter den Juden gegeben hat, welche das Licht der Freisinnigkeit und Aufklärung scheuten. Wie sollte dies nicht in jener Zeit des Druckes und allgemeiner Verfinsterung der Fall gewesen sein, um so mehr, da man christlicherseits sie von der menschlichen Gesellschaft aus- und die Stätten der Bildung ihnen verschloß? Nur dadurch wurde die kabbalistischaseetische Richtung im Judentum so stark, daß sie dieses eine Zeit lang beherrschte und teilweise noch beherrscht. Und dennoch hat die wissenschaftliche Bewegung und freie Richtung selbst in jenen finsteren Jahrhunderten der Vorzeit unter den Juden nicht ganz geschlummert; sie erwachte mit Mendelssohn vollends auf und befähigte gar bald die Juden, sich den allgemeinen Bestrebungen der christlichen Bevölkerung anzuschließen. Wie wenig ernst auch unter den Juden das feindselige Auftreten gegen Spinoza genonimen, und wie wenig der vermeintliche Fanatisnius von Allen geteilt wurde, beweist der Fall „Nieto", der wenige Jahrzehnte später, ebenfalls in Amsterdam des Spinozismus angeklagt, vom