Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1883)
- Date
- 1883-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 nach wir uns umsehen möchten. Daran wird ja auch nicht gezweifelt, daß Israel auch jetzt noch als eine große Gesammtheit dasteht und daß es noch seine Hand zu erheben, den Arm seiner irdischen Macht zu gebrauchen weiß zum Schutze seines Bestandes und Daseins, aber es fragt sich, ob dieses Volk eine Zukunft hat, eine Zukunft verdient, ob noch ein höherer Gedanke in ihm lebt, der den Fortbestand Israels zur geschichtlichen Notwendigkeit macht, ob noch Gott in unserer Mitte lebt oder ob unser Herz ihm abgestorben ist. Auch Jesaia, der Prophet mit dem Herzen, das entflammt war von der glühendsten Begeisterung und hingebendsten Liebe für Israel, sah, als er aus seiner Gebeugtheit es aufrichten, aus seiner Erniedrigung es erheben wollte, ein großes Volk vor sich, auf dessen Aufschwung er mit den schönsten Hoffnungen hinblickte. Was war es aber mit diesem Volke? Wie mußte der begeisterte Seher sich bald das schmerzvolle Geständnis machen: Fürwahr! das ist nur Gras, das an die niedere Erdscholle sich ansetzt, das wächst und grünt, um dann wieder zu verdorren und hinzuwelken; daß da ein edleres Geistesleben erblühen und hervorreifen werde, ist in Wahrheit nicht gut denkbar. Ein Volk! Als der Assyrer vor den Thoren Jerusalems stand und nur noch von der geistigen Erhebung Israels das Heil für die Zukunft erhofft werden konnte, da war es auch der Bestand des Volkes, auf den man noch mit einigem Vertrauen Hinblicken zu dürfen glaubte, aber wie war es mit diesem Volke? Zwar lebte es in großer Zahl und Menge, aber Niemand war in seiner Mitte, auf den man in entscheidender Stunde noch rechnen konnte, kein Glied, das da nicht angekränkelt war; die traurigste Verödung bedeckte die Geister und das zehrende Siechtum hatte alle Herzen ergriffen, war bis in das innerste Lebensmark des Volkes eingerissen; von unten bis oben, von der Zehe bis zum Scheitel war nichts Gesundes mehr da. Konnte bei solchem Leben, bei solcher Gesunkenheit der inneren Geisteskräfte noch an Gedeihen und Aufschwung, an Gesundung und Verjüngung gedacht werden? Darüber müssen wir uns denn doch klar sein, daß Israel keineswegs auf ein eigenes Volkstum sich stützen könnte, und am allerwenigsten auf ein solches, das in sich leer und nichtig ist und des inneren Gedankens, des geistigen Lebens ermangelt. Wir haben keine Hilfe, keine Hoffnung, keine Macht, kein Dasein ohne den lebendigen Gottessinn, der uns beseelt und durch den allein Israel Segen stiftet und Ehre findet in den Augen aller Menschheit. Sehen wir nur nicht mit so friedensseliger Selbsttäuschung auf den äußeren Lebensbestand Israels hin, der heutzutage uns als so günstig, als so unerschütterlich erscheint. Unsere Feinde sehen das auch, aber sie denken ganz anders darüber. Während Israel noch zu leben glaubt, wird es von seinen Feinden bereits zu den Toten geworfen; tausend Hände sind geschäftig, uns das Grab zu bereiten, als ob das Judentum längst zur Leiche geworden wäre, die auf dem Boden der Geschichte sich nicht mehr fortbewegen könnte. Tausend Stimmen erheben sich, um uns den nahen und unausbleiblichen Untergang zu prophezeien, endlich den Tag heraufzubeschwören, der das Dasein Israels mit ewiger Nacht bedecket. Und worauf gründen sie ihre für uns so außerordentlich niederschlagende Hoffnung? Auf nichts anders, als auf den Anblick der entsetzlichen Verödung, der trostlosen Verkümmerung des höheren Geisteslebens in unserer Mitte, das, wenn auch nicht ganz ausgestorben, doch so kläglich herabgekommen ist, daß es fast mehr keinen Boden in Israel findet. Machen wir uns in unserer unsäglichsten Verkehrtheit nicht zu Bundesgenossen unserer Feinde, die, währendem wir mit dem neuen Jahre auch neues Leben erhoffen, uns den Totengesang anstimmen, zeigen wir der Mensch-