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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-09-01 · Heft 9 (1.9.1883) · p. Seite 212

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 9 (1.9.1883)
Date
1883-09-01
Page
Seite 212 (sequence 20)
Language
German
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212 festgestellten aber als falsch erkannten Lesearten verdrängt und getilgt werden? Die kritischen Conjekturen stehen, vom dogmatischen Gesichtspunkte betrachtet, auf einem Niveau mit den haggadischen Wortdeutungen, bei denen man sich auch allerlei kleine Aenderungen des Schrifttextes erlaubte, um dadurch eine über den steifen buchstäblischen Sinn sich erhebende dem eigenen Geschmacke mehr zusagende Auffassung zu gewinnen; in wissenschaftlicher Hinsicht besteht aber darin ihr höherer Wert, daß durch ihre Supponirung das Dunkel, das über manche Schriftstellen, ausgebreitet ist, gelichtet wird und man nicht in die Notwendigkeit versetzt ist, den Propheten und Psalmisten Geschmackwidrigkeiten und sinnlose Ausdrucksweisen aufzubürden, die späteren Abschreibern zur Last fallen. Wir glaubten diese Bemerkungen vorausschicken zu müssen, um zunächst zu zeigen, daß die Methode, mit welcher Dr. Grätz in vorliegendem Comentare zu Werke geht und die wir an seinen exegetischen und historischen Arbeiten, soweit diese mit den biblischen Schriften im Zusammenhänge stehen, längst gewohnt sind, ihre volle Berechtigung hat. Für die Ersprießlichkeit derselben sind ja bereits so zahlreiche deutliche Beweise vorhanden, daß es überflüssig wäre, darüber noch ein Wort zu verlieren. Grätz, der unter allen Schriftforschern sie zuerst in umfassendstem Maße zur Anwendung gebracht hat und seinen Erklärungen zunächst einen von Fehlern gereinigten Text zu Grund zu legen sucht, versteht es auch, sie mit einem so feinfühligen Takte und lichtvollem Scharfblicke zu handhaben, daß selbst da, wo die Richtigkeit der von ihm aufgestellten Conjektur noch bezweifelt werden muß, doch wenigstens Verunstaltungen des Textes erkannt wurden, die sonst ganz unbemerkt geblieben sind. So ist z. B. nie daran Anstoß genommen worden, daß in Ps. 1, V. 2 in den beiden parallelen Verstellen eine Wiederholung desselben Ausdruckes stattfindet, („der an der Lehre des Herrn seine Lust hat und in seiner Lehre sinnet Tag und Nacht") die den ästhetischen Wolklang stört, der in der Regel in den Psalmliedern nicht vermißt wird. Der Verfasser nimmt mit Recht an, daß hier an einer Stelle eine Berichtigung notwendig ist. Die von ihm vorgeschlagene Emendation (S. 154) hat zwar Manches gegen sich (s. Jos. 1, 8) und liegt wol die Vermutung näher, daß vewi at aus bejirat verschrieben worden, wonach zu übersetzen wäre (der an der Gottesfurcht seine Lust hat u. s. w.t allein ohne die Voraussetzung, daß die Unschönheit der Redeweise vielleicht nur auf die Verunstaltung des Textes zurückzuführen ist, würde man dieselbe stillschweigend auf sich beruhen lassen und keine Handhabe finden, ihn von ihr zu befreien. Es finden sich in allen biblischen Schriften und nicht zum Wenigsten in den Psalmen, die in gottesdienstlichem Gebrauche standen und dabei wol auch manche Umarbeitung erfahren haben, zahlreiche Stellen, aus denen man mit aller Auslegungskunst durchaus keinen erträglichen Sinn herauszubringen vermag, Sätze und Wortgebilde, die den Exegeten zur Verzweiflung bringen und doch irgend einen faßbaren Gedanken für ihn enthalten müssen. Grätz zeigt nun, daß solche Schwierigkeiten durch einsichtige textkritische Behandlung am leichtesten zu lösen sind. An vielen solchen Stellen ist es ihm teilweise durch Nachweisung der ursprünglichen richtigen Lesearten, die noch in den alten Übersetzungen ihre Spuren zurückgelassen haben, teils auch durch Verbesserungen mittelst eigener scharfsinniger Conjektur gelungen, die Schwierigkeit zu beheben und ihnen die Verständlichkeit, die durch die Entstellungen des Textes getrübt oder völlig verloren gegangen war, wiederzugeben. Um in den Verbesserungsversnchen, die, wenn die ernste Kritik nicht in unfruchtbare Spielereien ausarten soll, nur mit großer Vorsicht unternommen werden können, einigermaßen

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