Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1883)
- Date
- 1883-09-01
- Page
- Seite 211 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Beseitigung der irreführenden Corruptelen das richtige Verständnis des Schriftwortes anzubahnen. Es fehlt auch nicht an Behelfern, die hiezu besonders dienlich „sind, wenn von ihnen nur der richtige Gebrauch gemacht wird. Die alten Übersetzungen, die aus einer Zeit stammen, in welcher die biblischen Texte noch der Zurechtmachung durch die Hand der Massoreten entbehrten, und besonders die griechische und die syrische Version, weisen an zahlreichen und oft gerade an solchen Stellen, die durch Verderbnis Schaden gelitten und ihre Verständlichkeit eingebüßt haben, andere Lesearten auf, die, wenn sie auch nicht immer als die besseren angesehen werden können, doch wertvolles Material für die Reconstruktion des Urtextes darbieten. Von viel größerer Bedeutung ist es, daß auch die aramäische Übersetzung, die in den silbischen Gelehrtenschulen stets in unbestrittenem Ansehen stand, nicht immer mit der recipierten Textesfassung in Einklang steht. Die fast dogmatisch gewordene Annahme, daß die biblischen Texte keinerlei Entstellung erlrtten und in unversehrter Gestalt sich erhalten haben, kann solchen Wahrnehmungen gegenüber nicht mehr mit so entschiedenem Nachdrucke geltend gemacht werden, daß die Schrifterklärer, die in textkritische Untersuchungen eingehen, dafür den Vorwurf einer Geringschätzung der heiligen Schrift sich gefallen lassen müßten. Der massoretische Text soll ja an und für sich gar nicht angetastet oder durch Streichung vermeintlicher Fehler und Hineintragung der an ihre Stelle zu setzenden Correkturen geändert werden, ja es wird sogar stets geboten sein, die einzelnen Stellen der recipierten Fassung gemäß zu erklären und zu erforschen, wie sie im Sinne derselben verstanden werden sollten, es hieße aber der Wissenschaft einen Zwang anthun, der Forschung einen Hemmschuh in den Weg legen, wenn man aus falschverstandener Pietät die Kritik aus dem Gebiete der Bibelexegese verweisen und dem Zweifel an der Ächtheit und Correktheit der überkommenen Textesfassung alle Berechtigung versagen wollte. In der That haben auch schon ältere Schriftforscher da, wo die Annahme nahe lag, daß ähnliche Buchstaben mit einander verwechselt wurden, es nicht gescheut, sich derselben zur Klarmachung schwieriger Stellen zu bedienen. In neuerer Zeit hat unter der jüdischen Schrifterklärern zunächst S. D. Luzzatto an einzelnen Beispielen es evident gemacht, daß in der Abteilung des früheren ohne jeden Zwischenraum fortlaufenden Textes wie auch in der Punktation leicht erkennbare Irrungen stattgefunden haben. Anfangs mag ihm das in den Kreisen der Rechtgläubigen übel vermerkt worden sein und es liegt dies auch ganz in der Consequenz der Prinzipien, denen die unverfälschte Orthodoxie huldigen muß, nachgerade hat aber auch diese so wenig daran auszusetzen gefunden, daß in neuerer Zeit einer ihrer eifrigsten Wortführer es wagen durfte, die Veröffentlichung des literarischen Nachlasses des „berühmten Gelehrten S. D- Luzzatto," in welchem solche ketzerische Ansichten ausgesprochen werden, durch ein Schreiben zu befürworten. Das Verfahren Luzzatto's hat manche glückliche Nachahmer gefunden, die auch nach anderer Richtung hin es erweiterten und, vielleicht auch ohne gerade durch ihn hiezu die Anregung gewonnen zu haben, mit vielem Glücke die textkritiche Methode in Anwendung brachten. Daß dieselbe, soweit es sich um die Eruirung des wahren und ursprünglichen Schriftsinnes handelt, nicht gut entbehrt werden kann, liegt für jeden, der nicht selbst der richtigen Einsicht sich entziehen will, auf der Hand; es ist aber auch nicht abzusehen, warum Nachweise und Vermutungen, durch welche ein besseres Verständnis gewonnen und alte Verstöße beseitigt werden, unausgesprochen bleiben sollen, solange der Anspruch nicht erhoben wird, daß die massoretisch