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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-09-01 · Heft 9 (1.9.1883) · p. Seite 206

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 9 (1.9.1883)
Date
1883-09-01
Page
Seite 206 (sequence 14)
Language
German
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206 denn so erlangte ich die Weisheit deiner Lehre!" Obwol unsere Lehre weit entfernt ist, den Menschenkindern den Genuß des irdischen Daseins zu verkümmern und die Freuden des Lebens ihnen zu versagen, obwol sie nicht das Heil des Menschen darin setzt, daß er, abgezogen von allem Irdischen, nur thatenloser Selbstbeschauung sich hingebe, auf die Betrachtung des Göttlichen seinen Sinn lenke und lediglich für eine andere Welt, für ein Himmelreich lebe, so lange er auf Erden dahinwandelt, so will sie doch, daß wir, wie dies ja auch unsere eigene Vernunft uns lehren muß, in den Leiden nur Mahnungen zur Besserung und Mittel zur Läuterung unseres Sinnes von dem Bösen erkennen. Wer es nicht an sich erfahren, wie der Mensch in seiner Not der Mithilfe und Teilname bedarf, wer selbst nicht von den Leiden des Erdendaseins heimgesucht worden ist, der vermag es auch nicht, sich in die Stimmung und Lage seiner leidenden Mitmenschen zu versetzen; der weiß es nicht, wie es dem Bedrängten zu Mute ist und wie wohlthuend ihm der Trost und die Mithilfe ist, die andere ihm bieten. Wann fühlen wir uns auch mehr zu guten Werken aufgefordert, als in den Stunden, in denen der Kummer unseren« Herzen naht und die Seele von düsterer Wehinut erfüllt ist? Nicht ohne Absicht hat es die Vorsehung so eingerichtet, daß in die Fülle irdischen Segens, den das Leben uns darbietet, auch von Zeit zu Zeit ein Tropfen des Schmerzes sich mische; es würde, so jedem mit unabänderlicher Gewisheit sein Lebensglück bereitet worden wäre und lvir sichere und untrügliche Bürgschaften für einen bestimmten Bestand unserer Lebensgüter besessen hätten, jeder in sich allein seine Befriedigung gesucht haben, es hätte nichts die Annäherung der Menschen an einander und ihre Vereinigung, aus der alles Gute erblüht, bewirken und veranlassen können. Aus den Thränengefilden des Kummers erblühen die Segenssaaten der Tugend, in dein Feuer der Leiden wird das Gold der edlen Gesinnung geläutert, durch die schmerzlichen Prüfungen, die der Mensch in seinem Erdendasein erleidet, gewinnt er an Vollendung seines höheren Wesens, an Erkenntnis und Erhebung. Die Schmerzen erlöschen, die Leiden verschwinden, die Besserung und Veredlung aber, die wir da erlangt haben, die bleibt, die erfreut uns, indem wir uns ihrer inne werden, die gereicht uns und unseren Mitmenschen in Zukunft zum Heile. Wenn die Menschheit immer und immer nur in paradiesischer Wonne gelebt ««nd kein Leid und Ungemach an ihr vorübergezogen wäre, so hätte sie wol das Glück, aber nicht das Bewußtsein ihres Glückes besessen, es wären die edleren Geistes- und Herzensgaben in ihr nie zur Entfaltung gelangt und es hätte sich so auch das edle menschliche Wesen nicht hervorgebildet. Daß wir als Menschei«, fähig der Tugei«d und Erkenntnis und reich an edlen Gesinnungen und hohen Ueberzeugungen, dastehen, das haben zumeist die Leiden an uns bewirkt. Auch das a««s Babylon heimkehrende Israel d««rfte sich darum glücklich preisen, nicht blos darüber, „daß die Zeit seiner Leiden geendet", sondern auch daß seine Sünden und Fehler, die ihm den Untergang bereitet hatten, geschwunden und getilgt waren. Die sittliche Erhebung und geistige Erkräftigung, die es gerade in den Tagen seines Elends gewonnen, die feste Grundlage zum Aufbaue neuen Heiles war eine sichere Bürgschaft für das Gedeihen seiner Zukunft, war ein Segensschatz, der alle die entschwundene Herrlichkeit übertraf und in Schatten stellte. Hatten früher Hochmut, Bosheit, Wahn, Leidenschaft und Ungerechtigkeit die Sinne bethört und die Herzen verschlossen, daß alle Mahnung zur Besserung da vergebens ertönte und das Gotteswort, wie es rein und wahr aus dem Munde der Propheten erklang, nur taube Ohren fand, so war nun, nachdem man die traurigen Folgen solcher Gesinnungen erkannt und mitempfunden, Ein-

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