Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1883)
- Date
- 1883-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 Unser Hros 1. Selten ist das Leben des Menschen frei von Ungemach und Mißgeschick, fast nie ist die Bahn unseres Erdendaseins so gerade und so eben, daß wir ungehindert und ungefährdet zu den Zielen unseres Strebens fortschreiten könnten; gar oft sehen wir uns in den gerechtesten und sichersten Erwartungen getäuscht, gar oft stürmt plötzlich das Unheil daher. Bald sind es wehmutsvolle Erinnerungen der Vergangenheit, bald drückende Sorgen der Gegenwart, bald traurige Befürchtungen um die Zukunft, die uns das Herz belasten und beängstigen. Es kann kein Erdensohn sich dessen rühmen, daß er nie die Trübnis des Kummers empfunden, daß er die Bitterkeit der Leiden nie gekostet; auch auf den leuchtenden Höhen des Glückes liegen gar oft die Schatten des Mismuts und zwischen den wogenden Aehren des Segens wuchert oft die Saat des Kummers und des Elends empor. Was uns nun mitten in den Schmerzen und Leiden des Misgeschicks aufrichtet, unsere Hoffnung entzündet, unseren Mut beschwingt, uns vor Verstörung und Verzweiflung bewahrt, daß wir uns selbst nicht verlieren und aufgeben, das ist das Vertrauen auf den, der unsere Geschicke bestimint und lenkt, das ist die Ergebung in den Willen des Ewigen, aus dessen Gnadenhand wir alle Gaben des Lebens empfangen, die Erhebung in dem Gedanken, daß alle Erdenherrlichkeit nichtig und vergänglich ist und daß das wahre, dauernde, unverlierbare Lebensgut nur in dem geistigen Besitz liegt, in dem was wir an Erkenntnis und Tugend gewonnen haben, womit wir unser höheres Menschtum haben bereichert und vollendet. „Besteige einen hohen Berg, Heilsverkünderin Zions, erhebe mit Macht deine Stimme, Glücksbotin Jerusalems, verkünde es laut und furchtlos, rufe es in die verödeten Städte Jehuda's hinein, siehe, euer Gott ist da!" Nicht alles, was wir als verderblich ansehen, führt unser Unheil herbei, nicht all das, wovon wir ein Böses befürchten, ist in Wahrheit ein Verhängnis für uns. Gar oft ist das, was uns mit Schrecken erfüllt, ein Zeichen unserer Erlösung und ein Vorbote des Segens, des Friedens für die Zukunft. Selbst in den Leiden sollen wir daher standhaft ausharren, gerüstet mit Hoffnung und Duldermut, denn auch sie haben ihr Ziel und aus den Fluten des Trübsals, die sich in unser Herz ergossen, quellen oft Ströme der Wonne hervor, die nie versiegen und auch in der Wüstenei des Elends Erquickung und Labung bereiten. Schwerer und schmerzlicher wurde wol kein Volk der Erde von dem Elend heimgesucht als Israel. Einst ein Herr von Ländern, war es mit einem Schlage, mit einem furchtbaren Schlage, der seine ganze Herrlichkeit vernichtete, in die tiefste Erniedrigung gestürzt, der Sklaverei und Gefangenschaft preisgegeben. Und nicht genug daran, daß ihm sein Besitz, seine Freiheit, fein Recht, seine Heimat, sein Alles genommen wurde, daß alle erdenklichen Leiden es getroffen, daß Krieg und Seuche und Hunger Tausende aus seiner Mitte dahinraffte, daß seine Städte dem Feuerbrande, sein Land der Verödung, sein Volk der Gefangenschaft, daß seine Söhne dem Tode und seine Töchter der Sklaverei preisgegeben wurden und der Feind mit schonungsloser Grausamkeit sein Verheerungswerk vollendete, es war selbst von seinen Freunden verlassen, von seinen Verehrern herabgewürdigt, von seinen Bundesgenossen verraten worden; kein Seufzer der Rührung, kein Wort der Teilname, keine Empfindung des Mitleids, die da bei dem Anblick seines Elends erwachte. Verblichen war auch der letzte Schimmer