Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1883)
- Date
- 1883-09-01
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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200 wir sie bei einem Gange durch die Geschichte bei allen Völkern wiederfinden. Der griechische Genius schuf seinen unsterblichen Homer, die lateinische Cultur ihren anmutigen Virgil, der germanische Geist sein Nibelungenlied als Schlußpunkt großer volkstümlicher Bewegung und Entwicklung; der monotheistische Gedanke Israels schuf seinen Hiob, die große Theodicee seines Glaubens und Denkens, das Buch, das Israels Begleiter gewesen in düsteren Zeiten, sein Lied in finsteren Nächten leiderfüllten Erdenwallens. Die politische Lage der Exulanten war anfangs eine recht trübe. Aufgescheucht vom heimatlichen Boden, der ihr einziges Gut gewesen, bar jeder Kenntnis einer Kunstfertigkeit, die ihr Geschick in der Fremde zu erleichtern im Stande gewesen wäre, irrten viele, verzehrt vor Hunger und Durst (Ps. 107, 4), preisgegeben der unwürdigsten Behandlung (Jes. 43, 28; 47, 6; 51, 13; 52, 17; Jer. 50, 7; Ps. 79, 4; 123, 3, 4; 129; 137, 1—3; vgl. Hiob 24, 1), ohne schützend Dach umher, während andere im dunklen Gemäuer finsterer Kerker traurige Tage fristeten (Jes. 41, 17; 42, 22; 50, 6, 7; Ps. 107, 14). Besser erging es den Schwächlingen unter ihnen, die zu ohnmächtig, dem Drucke zu trotzen, sich dem Heidentume in die Arme warfen, zumal in dessen Siegen und Erfolgen für sie die Aufforderung lag, sich den Altären seiner Götterwelt zu nähern, die sich seit dem Falle Jerusalems mächtiger, denn der Gott Israels erwiesen; eine Anschauung, wie sie auch die Exulanten in Egypten verrieten, die alles Unglück der Zeit den Propheten, welche gegen den Dienst der Himmelskönigin eiferten, zuschrieben, weil nach ihrer Ansicht alles Elend erst seit jener Zeit über sie gekommen war, da sie aufhörten, ihr zu räuchern und Gießopfer darzubringen (Jer. 44, 15). In dieser trübseligen Verwirrung persönlicher und volkstümlicher Verhältnisse erwachte in den Bessergesinnten mit doppelter Stärke die Anhänglichkeit an das verlorene Vaterland und die heiße Sehnsucht nach den Fluren, wo unter dem Feigenbäume und dem Weinstocke des Friedens glückliche Lieder erklangen. Wilder Schmerz und nagende Reue zerwühlten die Herzen und dazwischen fuhren, gleich zweischneidigem Schwerte in krankes Fleisch, die U'ilden Ausbrüche roher Sinnlichkeit übermütiger Heiden und das laute Lachen feiger Abtrünniger. In solchen Zeiten öffentlichen Unglücks aber, wenn Frevler schamlos und ungestraft ihr freches Wesen treiben, die Frommen aber zagen und zittern, also das Gleichgewicht zwischen persönlichem Verhalten und göttlicher Gerechtigkeit aufgehoben zu sein scheint, erwacht auch in frommen Seelen der Zweifel. Auch in Babel litten Menschenherzen und auch dort war die Frage über das Verhältnis des Übels zum sittlichen Wandel ein oft behandeltes Thema (Ez. 18, 25, 29; 37, 17): „Die Väter aßen Herlinge — so sprach sich der bereits zum Spotte geneigte Zweifel in einem, wie es scheint, häufig gebrauchten Sprichworte aus — und die Zähne der Kinder werden stumpf" (Jer. 31, 28; Ez. 18, 2); auch der Begriff geschichtlicher Solidarität erlitt eine starke Bresche, die Kinder klagten die Väter an, die gesündigt, aber nicht mehr sind, deren Strafe nun sie ereile (Klgl. 5, 7). Ein Verzweistnngsruf durchhallt das Schrifttum jener Zeit und selbst durch die hellen Stimmen jenes vom Drucke am wenigsten gebeugten Propheten tönt trotz der Hoffnung und Begeisterung nicht selten auch banger Zweifel schrill durch, der Zweifel, ob Gott wol seines Volkes' noch gedenke (Jes. 40, 27; 49, 4, 14, 15; 50, 6; 53, 2 f; 65, 15 f. vgl. Ez. 33, 10; 37, 11; Ps. 38, 14; 60, 3—5, 12; 74, 1; 118, 12). Diesem allgemeinen Conflikte nun, in dem sich Religion und Leben, die Organe des Volkes und das Volk selbst befanden, verdanken wir die Entstehung