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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-09-01 · Heft 9 (1.9.1883) · p. Seite 196

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 9 (1.9.1883)
Date
1883-09-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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196 Ez. 24, 17). Hingegen wurden Brach- und Jubeljahre weder in agrarischer Beziehung noch in Bezug auf das Sklaveuwesen früher beachtet. (Jer. 34, 8. 11). Auch das Opferritual und der damit zusammenhängende Tempeldienst. konnten im Exile Praktisch nicht durchgeführt werden; es lebte nur in der Theorie, daher die Widersprüche, die mit Bezug auf Priestersatzungen im Buche Ezechiel, verglichen mit den Satzungen der Thora, gefunden werden *). Die Religion befand sich eben noch im vollständigen Flusse; es gab noch keine Thora schlechthin für die Praxis, es gab vielmehr Thorot, jeder Prophet kündete die seine, die er als Überlieferung erhalten, oder die er als das lebendige Organ der Überlieferung geschaffen hatte. Aber gerade durch den Umstand, daß der äußere Gottesdienst in Folge der veränderten Zustände unmöglich geworden war, daß der Opferdienst einstweilen eingestellt werden mußte — weilte doch Israel auf fremdem Boden, dem die Heiligkeit der Heimat fehlte — gewann das religiöse Leben an Verinnerlichung und Vergeistigung; man gewöhnte sich allmälig, neben dem Opferrituale, das vor dem Exile einzig und allein das religiöse Leben beherrschte, auch dem Gebete, das sich durch die Zerstreuung nach und nach einbürgerte, religiöse Bedeutung beizulegen. Ein Jrrtuin ist es, wenn moderne Kritiker aus einzelnen Stellen der prophetischen Literatur den Schluß ziehen, die Propheten seien Gegner des Opferdienstes gewesen. Nichts ist irrtümlicher als diese Ansicht, durch die der Standpunkt der Propheten und deren Bedeutung als Lehrer des Volkes, in dessen Mitte sie lebten und aus dessen Bewußtsein sie hervorgegangen, entschieden verkannt wird. Allerdings ist eine gewisse Divergenz zwischen Prophetismus und Priestertum nicht zu verleugnen: das Priestertum hielt strenge auf die Form, aus der seine Berechtigung und Bedeutung hervorgegangen, der Prophet kündete stets vom Geiste, zu dessen Näherbringung und, dürften wir so sagen: zu dessen Darstellung die Form geschaffen wurde; der Priester wollte die Gemeinde vertreten, der Prophet aber sie in Aktivität setzen; jener legte das Hauptgewicht auf die Darbringung der Opfer zur bestimmten Zeit, in bestimmter Weise, dieser aber auf die Hingebung des ganzen Menschen, die Heiligung des ganzen Individuums durch die volle Hingabe an den „Heiligen Israels"; jenem galt das Ceremonialgesetz in erster Reihe als das Gesetz Jahve's, diesem aber reine Hände und ein reines Herz als wahre Mittel, um die Nähe Gottes zu erringen; der Priester stand auf dem Altäre und von da aus schaute er auf Israel; der Prophet hingegen befindet sich auf hoher Warte und obgleich er mit aller Energie die nationale Idee festhült — eine Reihe großer Kämpfe für das Volkstum weist die Geschichte des Prophetismus auf und während die Priester nicht selten gefügige Werkzeuge der Könige in der Einführung fremder Sitten waren, war den Propheten neben der Gottesidee nichts so theuer, als die Unabhängigkeit des Volkes von jeder fremden Macht — ringt sich sein Blick von Israel lös und ruht auf dem Gottesberge, von dem die Universalität des Monotheismus oder sagen wir der ethische Monotheismus als neue Offenbarung ausgeht: Dennoch aber war der Opferdienst zu sehr mit dem Leben des Volkes und dem Geiste jener Zeit verwachsen, als daß die Propheten seine Gegner gewesen sein mochten oder konnten — das Opfer ist dem Herrn angenehm, so lehrten alle Propheten, nur darf es nicht ohne Gesinnung, ohne inneren heiligen Drang dargebracht werden, vielmehr muß innerer Gehorsam, die heilige Sehnsucht Eins mit Gott zu werden das Individuum *) Bgl. Talni. Sabb. I3b, Chag. 13» und Men. 45».

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