Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1883)
- Date
- 1883-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 hauen" (Jes. 51, 1 ff.) wiesen die Lehrer der Zeit hin und dessen Auswanderung in die fremde sollte das Wahrzeichen für die künftige Größe des Volkes werden; durch die Fremde sollte Israel das erreichen, was die Heimat nicht gebracht und nicht gefördert und wie es später einst merkwürdigerweise wieder geschah, so erstand auch jetzt die Thora in Babel zu neuem Glanze. In Palästina war der Prophetenmund verstummt, an Babels Bächen klangen fort und fort die heiligen Stimmen, lehrend und mahnend, Hoffnung und Heil verheißend (Jes. 40—66); Sammelplätze entstanden für die Pflege des Wortes, von den Ahnen ererbt — Jerusalem wurde nach Babel verlegt. Wie das religiöse Leben des Volkes zur Zeit seiner Exilierung beschaffen war, läßt sich schwer angeben. Das Eine aber ist gewiß: Das Volksleben entwickelt sich unabhängig von Gesetz und Norm. Gewohnheit und Sitte, die Ursprünge aller Gesetze, waren stets mächtiger als Gesetzgeber und Lehrer; ja diese mußten zumeist, wenn auch häufig mit Widerwillen, die Gewohnheiten und Sitten des Volkslebens, so wenig ihnen diese zusagen mochten, mit einer gewissen Legitimität versehen und sie sanctioniren. So läßt sich auch mit Bestimmtheit erweisen, daß keine Zeit in dem geschichtlichen Leben Israels aufzufinden ist, in der die Thora ihrem vollen Inhalte nach in Praxis gehandhabt worden wäre; immer war sie nur der weiche Mutterboden für die Entwicklung neuer Gestaltungen, das Ideal der Propheten, dessen Erfüllung allezeit ihr frommer Wunsch blieb. Zudem inüssen, wo es sich um niedrigen Götzendienst handelt, einzelne Satzungen zurücktreten, wo es einen Kampf gilt gegen heidnische Sittenlosigkeit, da können auch Propheten nicht auf die Beobachtung einzelner Ceremonien Gewicht legen. Dennoch aber fehlt es nicht an Anhaltspunkten, nach denen wir uns ein Bild von dem positiven Satzungsleben der Gola — so heißt die Gemeinde des Exils — zu entwerfen vermögen. Neben dem Sabbat wurde von Alters her der Neumond geheiligt (vgl. 2. Kön. 5, 23; Jes. 1, 13; Amos 8, 8; 1. Sam. 20, 9; Ezech. 46, 1. 3; 20, 12. 13); während aber der Sabbat um die Zeit des Exiles an Verinnerlichung gewonnen hatte (vgl. Ex. 35, 2 u. 3 mit Jer. 17, 19 u. Jes. 58, 13), scheint die Neumondsfeier bereits an Bedeutung verloren zu haben (s. Meg. 22b, Raschi z. St.: Chagiga 18a u. Tosaf'., das. s. v. Rosch chodesch; Jer. Tanit 1, 6). In dem Hause des Propheten versammelte sich das Volk an Sabbaten und Festtagen (Ez. 8, 1; 14, 1; 20 1), aus dem großen Heiligtum in Jerusalem ward das Wort, in Stein gehauen, hineingetragen in das „kleine Heiligtum", das in den Lehrhäusern des Exils entstand. Durch das stille Übereinkommen der Gemeinde — eine offizielle Behörde existirte nicht — wurden die nationalen Unglückstage als Fast- und Bußtage eingesetzt (Zach. 7, 4; 8, 19; vgl. Jes. 58, 3). Die Ehegesetze wurden strenge beobachtet (vgl. Jer. 3, 1; 23 u. ö. auch früher schon dasselbe Bild); allenthalben wurden Geschlechtsregister angelegt, um die Familienreinheit in Evidenz zu erhalten (vgl. Esra 2, 62); auch die Satzungen über „rein und unrein" waren bereits in's Leben des Volks gedrungen (Ez. 18, 6; 22, 16; 36, 17); ebenso war die Beschneidung allgemein eingeführt, galt sie doch als charakteristisches Merkmal des Israeliten im Gegensätze zu dem Unbeschnittenen, der mit dem Heiden als identisch galt. (Vgl. Jer. 7,10; Ez. 28, 10; 31, 18; 32, 20. 24, häufig auch blos symbolisch aufgefaßt). Feststehend waren auch einzelne Trauergebräuche l) (Jer. 16, 6. vgl. Redack z. St. *) Alt scheint auch der Brauch zu sein, rel. Zeichen an den Thüren der Wohnungen Israels (später Mesusot) anzubringen. Bgl. Jes. 57, 8. 18*