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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-09-01 · Heft 9 (1.9.1883) · p. Seite 194

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 9 (1.9.1883)
Date
1883-09-01
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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194 scheint, er hat nicht aufgehört — wie die Erde im Winter scheinbar in Ruhe und Todtenstille verharrt, in Wahrheit aber in ihrem Schooße volles Leben kreist, frische Säfte zum Neuaufleben bereitend, also wird der scheinbar sumpfige Boden die Pflegestätte neuer Gestaltungen, neuer Blüte; wir erkennen nur nicht diesen ewigen Prozeß, zumal nicht in der jeweiligen Gegenwart, weil das menschliche Auge zu schwach ist, um die Zeit der Umbildung, die Umbildung selbst wahrzunehmen; weil heilig still der Schritt der Zeit ist und der Gedanke sich in majestätischer Ruhe verjüngt — erst späteren Generationen bleibt es Vorbehalten, aus der Schichtenbildung in der Tiefe des Gewordenen die Ablagerung der verschiedenen Zeiten zu erkennen und zu sondern, dem geheimnisvollen Werden nachznspüren und die Wendepunkte in dem Leben eines Volkes zu bestimmen. Ein gewaltiger Wendepunkt in dem Leben Israels ist unstreitig das babylonische Exil, dessen Einfluß auf die geistige Umbildung des Volkes so bedeutsam war, wie das Eingreifen Esra's für die künftige Gestaltung unseres Glaubenslebens, für unsere Stellung in der Geschichte der Zeiten und Völker — Zeit und Persönlichkeit hatten sich wie selten zusammengefunden; eine zum Schaffen geeignete Zeit hatte einen bedeutungsvollen Träger gefunden, der ihr mit Bewußtsein und Energie sein Geistesstempel aufgedrückt. Was das Judentum geworden, und wie es geworden, das ist durch Esra geschehen, er hat die Bahn gezeichnet für die künftige Gestaltung des Rabbinismus, der ihn nicht bedeutungslos seinen zweiten Moses nennt. Samuels gewaltiger Blick, den er als Organisator der Prophetenschulen bewährte, Elias rücksichtsloser Eifer im Kampfe gegen das Heidentum schienen sich in Esra neu verjüngt geeint zu haben. Israel war berufen ein Priesterreich zu werden und mußte daher aufhören ein Königreich zu sein; es mußte aufgeben seine weltliche Macht, um seine eigentliche Bedeutung, seine religiöse, vorzubereiten nnd zu erhalten. Durch eingerissene Sittenlosigkeit und Feindschaft gegen den Bruderstaat war das nördliche Reich Israel den wuchtigen Schlägen Salmanasfar's, Sargon's und Esarhaddun's2), der Könige von Assyrien, erlegen. Samarias Triften, wo frohe Schäferstimmen voll beglückter, freudiger Lieder erklangen, deren Reste uns im Hohen Liede noch heute den Duft der Saronslilien ahnen lassen, wo einst die ersten reckenhaften, von der Sage verherrlichten Prophetengestalten kühnen Geistes einherschritteu, wurden jetzt von assyrisch-medischen Völkerschaften, die Furcht und Wahn teilweise Jahve, dem vermeinten Gotte des Landes, zuführte, den sie aber in Wahrheit nie begriffen und erkannten, bevölkert. Etwa 200 Jahre später endete auch Juda durch das Anstürmen einer neuen Macht, die sich lawinenartig über Vorderasien ausbreitete, durch Nebukadnezar, dem Babylon Ruhm und Größe verdankte und nach Babel zog das Waisenvolk, verlassen sich wähnend von seinem Gotte, dessen Wohnung eine öde Stätte geworden. Dort auf Babels Fluren, von Palmen und Obstbäumen reich beschattet, wo die Kultur die glänzendste Pflege gefunden und Luxus und Reichtum ihre Orgien feierten; dort an Babels Strömen, umrahmt von Platanen und Cypressenwäldern, in deren heiligen Hainen die Begierde und die Leidenschaft die ungeheuerlichste Sinnlichkeit entfachte; dort ging ein merkwürdiger Läuterungsprozeß in dem Leben des schwergeprüften Volkes vor sich. Auf den großen Ahnen Abraham, „den Fels, aus dem Israel ge- ') Bgl. Gen. r. 37; Esth. r. I. 2; Midr. Schochar lob 105; Tosifta Sanh. 4; Sebachim 62, b; Sanh. 22a; Succa 20a; Jer. Meg. 1, 4. 0 Bgl. Rosenzweig, Zur Einleitung in die Bb. Esra und Nehemia, Berlin. €>• 42 ff.

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