Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1883)
- Date
- 1883-08-01
- Page
- Seite 189 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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gab er seinen Reformideen Ausdruck, schloß sich aber keiner Partei an, da seine natürliche Gutherzigkeit und Friedliebe ihn davon fern hielten. 1855 jedoch nahm er den Ruf der Bene Israel Gemeinde zu Cincinnati an, wo ihn selbst die Conservativen wählten, in der Hoffnung, daß er immer ttodf nicht so radikal sei,- wie mancher seiner Collegen. Er ward enthusiastisch empfangen. Jedoch bei den ersten reformatorischen Vorschlägen die er einbrachte, verließen 40 conservative Mitglieder die Gemeinde, und gründeten eine eigene. Unterstützt durch aufgeklärte Männer arbeitete Lilienthal langsam und vorsichtig weiter, führte immer neue Gestaltungen ein, bis Tempel und Schule die Form erhielten, die sie noch heute zeigen. Im Jahre 1855 erlebte vr. Lilienthal eine geistige Wiederverjüngung. Seine poetische Natur so lange Jahre von Wolken der Enttäuschungen verhüllt, brach siegreich hervor. Er schrieb einen Band deutscher Gedichte, betitelt „Freiheit, Frühling und Liebe." Patriotismus, Liebe und Wohlwollen spricht aus ihnen. Für den „American Israelite“ und die „Deborah“ schrieb er Aufsätze, in denen er sich als ein Freund, Refornier und Lehrer des Judentums bekundete. Er erhob sich zu der Hohe eines Kämpen für Israel, eines erleuchteten Erforschers seines geheiligten Erbes. Es war vielleicht das glücklichste Jahr seines Lebens. Aber dieses Glück war bald gestört. Als ihn die Rabbinerversammlung zu Cleveland zu ihrem Sekretär erwählte, erhob sich, noch bevor die Verhandlungen der Versammlung gedruckt erschienen, eine Flut gehässiger Angriffe, ein Sturm persönlicher Beleidigungen gegen ihn. Man nannte ihn „Jesuiten," „Mitglied der heiligen Liga", „Geldschrapper". Ruhig und geschickt setzte er ein Argument dem andern entgegen. Aber der gefühlvolle ehrliche Mann, dem eine jede Ungerechtigkeit das" Herz durchstach, fühlte sich tief verwundet. Er zog sich ganz in den Kreis seiner Gemeinde zurück, wo er nur für Lokalangelegenheiten wirkte. Hier wirkte er für die Reorganisation der Sabbath-Schulen und verschiedener wolthätiger Gesellschaften, wie der 8ebrev Belief Society, des jüdischen Hospitals. Bei den Rabbinerversammlungen zu Cleveland, New-Aork, Cincinnati, schlug er einige patriotische Resolutionen vor. Ein Mann von dem Geiste, der Energie, der Wissenschaft und Bildung eines Dr. Lilienthal konnte nicht unthätig verbleiben. Er mußte Etwas für das öffentliche Wol thun. Seine Aufmerksamkeit, die sich von jüdischen Angelegenheiten abwandte, richtete sich auf das öffentliche Gebiet. Amerika stets mit Rußland vergleichend, erschien ihm das erstere Land im günstigsten Lichte. Er liebte und bewunderte Alles, was amerikanisch war. Eine Reihe von Jahren war Patriotismus der Hauptgegenstand seiner Gespräche und Predigten. Er genoß die höchste Achtung. Jahrelang war er Mitglied des School Boards, des Board of Examiners, des „Univeisity Board,“ Präsident des „medical College,“ des „City Relief Board“ und anderer wolthätiger Anstalten. Er ward der einflußreichste Rabbiner Amerikas, und von dem wolthuendsten Einflüsse den Überrest von Sektenvorurteilen zu tilgen, der selbst in den gesellschaftlichen Beziehungen einer so aufgeklärten Stadt wie Cincinnati, nicht ganz fehlte. In diesem öffentlichen Leben, in der Liebe zu seiner Familie und seinen Freunden fand Dr. Lilienthal Befriedigung. Abgesehen von zwei Episoden, — als ihm die geliebte Gattin starb, und als er von dem Emanuel-Tempel in New-Dork berufen, durch seine Freunde an Cincinnati gefesselt blieb — war er nun glücklich. Sein Studium entsprach seinem öffentlichen Leben. Er las keine theologische oder jüdische Bücher. Er ward Realist, Latitudinarier. Die Naturwissenschaften