Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1883)
- Date
- 1883-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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<r. C 188 — jüdische Manuskripte in der Münchener Bibliothek, wie auch seine Laufbahn in Rußland in der Allgemeinen Zeit, des Judentums gelesen hatte, hatte ich mir eine hohe Meinung über den jungen Doktor gebildet, und war ich erfreut, in ihm einen gewöhnlichen Sterblichen zu sehen, dessen Natur stattlich war, — seine schwarzsammetne Kappe, welche er im Hause trug, seine glänzenden Augen machten einen freundlichen Eindruck. Obschon jung, erschien er mir wie ein ehrwürdiger Rabbiner. Mein Ideal von L)r. Lilienthal war durch eine viel gefälligere Wirklichkeit ersetzt. Nach halbstündlicher Unterhaltung waren ww Freunde. Er stellte mich seiner geliebten Gattin vor, behandelte mich wie einen alten Familienfreund, verschwendete alle Herzensgüte an mir, für welche ich ihm Nichts als meine Freundschaft zu bieten vermochte. Dr. Lilienthal kam nach New-^jork aus Rußland als ein Orthodoxer. Trotz seines eminenten Wissens, seiner Bildung und seiner gesellschaftlichen Anmut, war sein Benehmen, seine Conversation diejenige eines fashionablen orthodoxen Rabbiners. Seine öffentlichen und privaten Vorträge (8ehim) waren von demselben conservativen Schlage. Mit seiner Stellung schien er zufrieden und glücklich. Seine Gemeinden waren wie ganz New-Aork, außer der I^mannel-Congregation streng orthodox. Mit Ausnahme einiger weniger Juden in Baltimore und Charleton S. C. waren alle Juden Amerikas damals orthodox. So auch die jüdische amerikanische Presse, welche aus dem Monatsmagazin des Rabbiner Isaak Leeser „the occident“ bestand, in welchem eine Controverse zweier Rabbiner mitgeteilt war, über die Frage ob die christliche Aera in jüdischen Schriften anzuftthren sei. Trotz gegensätzlicher Meinung, zankten wir uns nie, weil die Argumente mit gegenseitiger Achtung geführt wurden. Es war inl Jahre 1849, als sich Dr. L. von zweien seiner Gesellschaften, die ihn unfreundlich behandelten, zurückzog, und nur bei der Ansche Chesed Congregation blieb. Jedoch war es ihm unmöglich, auch hier sich allen alten Gebräuchen und Observanzen anzubequemen. Sein Gesinnungswechsel ward offenbar. Er war den Reformern nicht beliebt, weil er nicht sogleich ihre Sache angenommen hatte, und den Conservativen gehässig, wegen der häufigen Nefvrmblitze, die aus seinen Predigten hervorleuchteten. Obschon als Kanzelredner bewundert und beliebt, legte ihm das sehr orthodoxe Volk soviel Hindernisse in den Weg, daß er sich von der -Apache Chesed Congregation zurückziehen mußte. Lilienthal eröffnete nun ein Erziehungsinstitut in Deut Street in New- Aork. In kurzer Zeit wurden er und seine Frau ausgezeichnete Erzieher, und leiteten ein großes Boardingshaus mit entschiedenem Erfolge. Dieser Berufswechsel war ein Unglück für Dr. Lilienthal. Die erfahrene Behandlung entfremdete ihn dem Judentume und der Wissenschaft. Er ward herzenskrank. Gelegentlich nur sprach er in der Ansehe Chesed Congregation. Er ward ein thätiges Mitglied einer Gesellschaft, welche sich „Lichtfreunde" nannte, und erklärte hier, daß die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zerstört sei. Bald erkannte er daß hier nicht die Männer seien, das Judentum zu reformieren. Es sei nutzlos auch nur ein Buch zu lesen, meinte er, weil Wissenschaft in dieser Gegend keinen Werth habe. Bis zum Jahre 1855 blieb er zum großen Nachteil der Juden in New-Uork unthätig. Doch schrieb er für die jüdische Presse „Meine Reisen in Rußland," und die „Hasmonäer" und zu verschiedenen Gelegenheiten, wie bei der Einweihung des Tempels in Albany N. I.