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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-07-01 · Heft 7 (1.7.1883) · p. Seite 165

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 7 (1.7.1883)
Date
1883-07-01
Page
Seite 165 (sequence 21)
Language
German
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165 dafür, daß sie persönlich etwas ganz Besonderes zu sein glauben. Aber die Religionsquellen sagen dem Juden nur: seine Auserwählung bestehe in dem Noblesse oblige, in dem bikrowaj ekadesih, durch die mir Nächststehenden muß ich geheiligt, bewährt, bezeugt werden, oder auch: weatem tiheju li inamlechess kohannim wegaj kadosch' und ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk — Sätze, die auch nach orthodox - rabbinischer Auffassung Pflichten auferlegen, nicht Rechte geben, eine Lehre, die jedem Menschen nahe liegt, denn Jeder — nicht blos der Jude, nicht blos der Gläubige, jeder Mensch hat die Aufgabe, würdevoll, pflichtgelreu zu leben, zu schaffen, zu wirken. In diesem Sinne ist jeder berufen, jeder auserwählt, jeder nach seiner Kraft und Anlage. Wie sinnig rühmt die Bibel, daß Moses sehr bescheiden war! Es sollte daher das so leicht miszuverstehende Wort von der Auserwählung aus unserer Gebetsprache, noch mehr aber der daraus misverständlich hervorgegangene Dünkel verschwinden. Der Wahn und die Sucht vieler Juden, nicht der Besten, nicht der Weisesten, Alles besser wissen, Alles übertrumpfen, sich über Andre überheben zu wollen, in widriger Weise sich vorzudrängen, Reklame zu machen, abznsprechen, vorlaute Kritik zu üben: ist Wasser auf der Mühle der Antisemiten, die ja ohnehin so wol verstehen, ein Haar in ein Schiffstau und den Splitter in einen Balken zu verwandeln. Die Vielen geläufige Redensart vom „jüdischen Kopf" und vom „jüdischen Herzen" steht auf derselben Stufe der Selbstvergötterung und Einbildung, wie die von der „christlichen Liebe." Mit der Tüchtigkeit des Kopfes hat die Religionsgenoffenschaft nichts zu schaffen und Edelmut des Herzens blüht — und fehlt hier wie dort. Den Juden ist das Martyrium der Leidensgenossenschaft durch die heillosen Feindseligkeiten der letzten Jahre auf eine unabsehbare Zeit hinaus verlängert worden. Darüber kann sich Niemand täuschen, daß die Abneigung gegen sie eine tiefer eingewurzelte ist, als man vor wenigen Jahren noch annehmen durfte, daß sie so bald nicht verschwinden wird. Eine Zeit, ein Geschlecht, die sich das alte, verrottete, bösartige, hundertmal widerlegte Märchen vom Christenblut zum Pessachfest wieder aufbinden lassen, ein Geschlecht und eine Zeit, die den Juden die Verworfenheit rituellen Mordes andichten, ein Geschlecht und eine Zeit, die — nicht in ihrem Abschaum und nicht in ihren ungebildeten Schichten — nein in weiteren Kreisen, ja fast mußte man sagen, bis in die einflußreichsten Klassen hinauf, an solche Blutschuld der Juden glaubten, glauben wollten, oder richtiger, zu glauben Vorgaben: ein Geschlecht und eine Zeit, in denen die akademische Jugend — noch vor einem Jahrzehnt die Vertreterin des Idealismus und der selbstlosen Begeisterung — antisemitischen Sport treibt — sie bieten den Deutschen jüdischen Ursprungs keine Gewähr für baldige Erlösung von der Leidensgenossenschaft. Da müssen sie denn selbst dazu thun, ihre Aufgabe heißt: Selbst-Emanzipation, Selbsterlösung durch Beseitigung und Ächtung alles Dessen, was der Abneigung gerechten oder auch ungerechten Anhalt bietet: durch Selbstveredlung und strenge Selbstzucht. Die Antisemiten bieten den Juden Gelegenheit zur praktischen Anwendung des von ihnen., selbst verleugneten neutestamentlichen Grundsatzes: Liebt Eure Feinde, dieser Überbietung der alttestamentlichen Imperative: „So deines Feindes Thier fällt, hilf ihm auf, vergilt deinem Feinde Böses mit Gutem; schütte feurige Kohlen auf sein Haupt." Die Juden dürfen sich durch alle üblen Erfahrungen,

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