Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1883)
- Date
- 1883-07-01
- Page
- Seite 164 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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164 lande bleiben und auch fortfahren, Juden zu sein — freilich nicht Stockjuden im hergebrachten positivreligiösen Wortsinne, sondern im fortwährenden Hinblick darauf, daß sie Deutsche sind, daß ihre sittliche und religiöse Pflicht nicht in der positiven Religion aufgeht — daß sie vielmehr über deren Schranken hinaus Menschen sind. Und darin finde ich die Aufgabe der deutschen Juden, der Deutschen jüdischen Ursprungs. Sie sollen nicht aufhören, Juden zu sein, aber immer eingedenk bleiben, politisch, social und sittlich: daß sie Deutsche, daß sie Menschen sind. Für die Äußerung ihres religiösen Gefühls ergiebt sich hieraus die Folgerung, daß es Pflicht und Aufgabe der Juden ist, sich alles dessen zu enthalten, und zu entäußern, was das Schöuheits- und Anstandsgefühl verletzt, was veralteten orientalischen oder mittelalterlichen Ursprungs ist, was sie heute noch mit asiatischen und afrikanischen Wilden gemein haben, z. B. die Gebetsriemen und Gebetskasten am Arm, wie wir sie bei den Nubiern finden. Die Juden haben Alles zu meiden, was unnötige Scheidegrenzen aufrecht erhält, was Mißdeutungen daheim wie draußen hervorruft. Hierzu rechne ich auch die hebräische Sprache. Ich erkenne ihren hohen poetischen Schwung, ihren wissenschaftlichen Wert vollauf an. Aber zu einer Gebetsprache für unsere Tage eignet sie sich nicht. Sie gehört in die wissenschaftliche Hochschule, nicht in die Religionsschule. Das deutsche Wort, das deutsche Lied ist dem deutschen Juden gerade so tief ins Herz gewachsen, wie dem deutschen Christen. Dem muß auch der Gottesdienst Ausdruck geben. Und hält man ein, daß in Deutschland der Katholik lateinisch, der Reformirte französisch bete — so erwidre ich: Anderer Fehler rechtfertigen nicht den von mir erkannten. Dem Katholiken wird in der Tat vielfach seine Anhänglichkeit an Rom und seine Abhängigkeit von Rom zum Vorwurf gemacht. Der deutsche Jude hat mit dem Orient, mit Palästina, mit Jerusalem gar nichts zu thun. Die orientalische Schwärmerei der Jerusalempilger, wie sie in Jehuda Halevi's Zionslicdern vor 800 Jahren so herrliche Blüten trieb, kann uns Kindern des 19. Jahrhunderts nur ein poetjsches, geschichtliches — kein praktisches Interesse abgewinnen. Und wer daran zweifelt, der lese Ludwig August Frankl's Reiseberichte über Palästina. Sobald nur Deutsch gebetet wird, dann hört sofort auf die ermüdende, drei- und siebenmalige Wiederholung derselben Gebete, die gedankenlose Vielbeterei, der inhaltlose Schwulst, die Schlacht-Opferlitanei, die Recitation kriegerischer Psalmen — wie: Der Herr ist ein Kriegsmann — dann werden erst die Perlen, die wir in unseren alten Psalmen und Gebeten haben, von dem Schutte der liberwiegenden Gebetphrasen gesäubert, in ihrem Glanze hervortreten. Die Juden müssen sich ferner Alles abgewöhnen, was an den alten Auserwählungsglauben erinnert. Die Eitelkeit spuckt überall. Im Leben der Einzelnen, in den Völkern, in den Religionen. Jeder hält sich für etwas Apartes. Bei unfern Nachbarn jenseits der Vogesen zeigt sich das als Chauvinismus, bei uns daheim als Deutschtümelei. So hält der Katholik seinen Glauben für alleinseligmachend, der Protestant seinen Katechismus für das alleinige Seelenheil, so preist der orthodoxe Jude in dem täglichen Dankgebet: „An den, der uns auserwählt von allen Völkern" seinen Glauben und sich als von Gott bevorzugt. Und nicht blos der orthodoxe Jude! Wie viele Juden giebts, die wenig oder gar nichts von ihrem Glauben wissen und halten, die aber in ihrem ganzen Thun und Lassen, in ihrer Haltung und Nichthaltung eine Anmaßung zur Schau tragen, die Zeugnis ablegt