Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-07-01 · Heft 7 (1.7.1883) · p. Seite 163

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 7 (1.7.1883)
Date
1883-07-01
Page
Seite 163 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969706--0793-2971227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

163 kirchliche, auf Glaubensgenossen beschränkte, die in Klöstern, Mönchen, Klausnern, ermietheten Kadisch- und Jahrzeitbetern ihren Ausfluß hat, bietet keine Lösung für die sociale Frage. Diese fordert: Bildung der Jugend, Arbeit und gerechten Lohn dem Arbeitsfähigen, Unterstützung des Arbeitsunfähigen -- ohne Unterschied der Religion. — Wenn nun die Juden in Deutschland, wie wir sehen, nicht einem besonderen Volksstamm angehören, ebensowenig ausschließlich eine eigene Religionsgenossenschaft bilden: welches einheitliche Band umschließt sie sonst? Heutzutage schärfer als seit Jahrzehnten — das einer Leidens-Genossenschaft. Gemeinsam stehen sie unter dem Bann einer — offnen oder versteckten — Abneigung, die, Jahrtausende alt, seit hundert Jahren milder geworden, in den letzten Jahren wieder heftig ausgebrochen ist. Und diesem gemeinsamen Martyrium entgeht heutzutage so leicht Keiner in Deutschland, der Jude ist, von Juden stammt, ja jüdisch aussieht, mag er schlicht sein, mag er in Bildung, Wissen oder sonst hervorragen. Es entzieht sich der Beurteilung, wie lauge diese Leidenszeit dauern, wie lange das deutsche Volk in seinen gebildeten Kreisen christlichen Bekenntnisses diesem Vorurteile opfern werde — dem, in dünkelhafter Überhebung und in schmeichelnder Nachahmungssucht auch mannigfach in jüdischen Kreisen gehuldigt wird, denn es giebt auch jüdische Antisemiten. Für uns ist nur das Eine wichtig: zu ermitteln, was können wir thun, um dies Vorurteil zu beseitigen? Hören wir die rohesten Äußerungen, wie sie der Judenhaß täglich darbietet, so gäbe es eigentlich nur ein Radikalmittel: sämmtliche Juden müßten zu leben, oder doch ans deutschem Boden zu athmen aufhören. Solche fromme Wünsche, die auf eine mehr teuflische als gottesfürchtige Weltanschauung schließen lassen, kann man aus dem Munde der Antisemiten hören, ja sie sind die notwendige Consequenz ihrer Bestrebungen. Sie verlästern Gott, der die Juden ins Leben rief und leben läßt. Oder wollen sie, daß die Juden Christen werden? Nach ihren Anschauungen von Judenchristen wäre damit nicht gedient. Wären die Juden die Bösewichter, die Gauner, die Spekulanten, als welche Antisemiten sie verschreien, dann wären sie längst Scheinchristen geworden. Ein alter Spruch der Väter lautet: Sprich über Keinen ein richtend Wort Eh' du dich nicht setzest an seinen Ort. Haben die Antisemiten — die offnen wie die verkappten, die groben wie die feinen — sich je die Mühe gegeben, diesen Satz zu befolgen? Wenn sie sich auch nur eine Stunde in die Stelle eines Juden versetzten — sie würden billiger und gerechter urteilen, sie würden nicht von den Schwindlern und Verworfenen, die es ja auch unter Juden giebt, auf die Juden iiberhaupt schließen, so wenig, als sie von den Verbrechern, die zweifellos nicht jüdischer, sondern wie sie sagen, urgermanischer Herkunft sind, ein Urteil auf die Gesammtheit zulassen. Heutzutage kämen unter dem Einflüsse jenes Bannes zu den religiösen Bedenken gegen die Taufe noch Anstandsrücksichten. Es wäre feig und würde auch von den Gegnern so gescholten werden, wollte man die alte Fahne in solcher Zeit verlassen. Ja die deutschen Juden werden trotz alledem am Leben und im Vater- 15*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.