Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1883)
- Date
- 1883-07-01
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969698-2969706--0786-2971220- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
156 Professor Molitor, Verfasser der Schrift „Philosophie der Geschichte" rc., schrieb in einer diesbezüglichen Erklärung unter anderem folgendes: „Die Beschuldigung, als brauchten die Inden Christenblnt bei ihren religiösen Ceremonieen, eine Idee, die ursprünglich im Mittelalter aufgekommen ist, setzt daher eine völlige Unkenntnis des Judentums und seiner Gebräuche voraus und erinnert ohngefähr an eine ähnliche Beschuldigung, die ehemals den Christen von den Heiden gemacht wurden, daß sie Menschenopfer darbrächten. Zu allen Zeiten haben sich jedoch in der Christenheit mächtige Stimmen gegen dieses, auf gänzlicher Unwissenheit beruhende Vorurteil erhoben. Namentlich haben die Päpste Gregor IX. (1235) und Jnnocenz IV. (1247) in ihren Bullen ausdrücklich verboten, die Juden wegen dieser fabelhaften Beschuldigung zu verfolgen. Ebenso erklärt sich Papst Sixtus IV. aufs ausdrücklichste gegen die Verläumdung der Juden, und nach gepflogener genauer Untersuchung über den Tod des angeblich von den Juden zu religiösen Zwecken ermordeten heiligen Simon von Trient, verbot er, denselben heilig zu sprechen und befahl, die Juden von Trient deshalb in Ruhe zu lassen. (Leider hatte man eben schon viele derselben verbrannt.) Auch der Doge von Venedig, Pietro Mocenigo, in einem Dekrete vom 22. April 1475, desgl. Gabazeo und Sforza, Herzoge von Mailand, erkannten die Juden des ihnen angedichteten Verbrechens für unschuldig. Nicht minder erklärte sich Kaiser Friedrich III. und nach ihm viele römische Kaiser in demselben Sinne" us. w. (Stimmen berühmter Christen.) Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß es auch in unserer erleuchteten Zeit an gelehrten christl. Geistlichen nicht mangelt, die das unwürdige dem Fortschritte des neunzehnten Jahrhunderts hohnsprechende Treiben der Antisemiten auf das entschiedenste verpönen. Der gelehrte und streng konservative christl. Theolog Prof.!>r. Franz Delitzsch hat in jüngster Zeit erst zu wiederholten Malen die Blutanklagen als ein „Phantasiegebilde, einen grundlosen Wahn und als eine Ausgeburt der Unwissenheit, Feindschaft und Lüge" bezeichnet. Unter Anderem schrieb er auch: „Vor nun mehr als zehn Jahren legte mein Freund Prediger David Heffter einen deutschen Commentar zu den Strafgesetzen im 3. M. Kap. 20 verfaßt von dem mit ihm befreundeten Prof. Basilius Lewisohn in Jerusalem, zu beliebiger Benutzung in meine Hände. Im Jahrgang 1870 meiner Zeitschrift „Saat u. Hoffnung" habe ich aus der umfänglichen Handschrift ein Stück unter der Aufschrift: „Die gegen die Juden erhobene Beschuldigung, daß sie Christenblut gebrauchen" veröffentlicht. Der Aufsatz schließt mit den Worten: „In der Osternacht 1863 lag ich betend an dem Grabe Christi, die eine Hand auf die heiligste Stätte legend, die andere gegen den Himmel erhebend und sprach im Herzen folgendes: Seit der Zerstörung des ersten Tempels durch die Babylonier ist kein Menschenopfer mehr in Israel gebracht worden, obgleich noch hie und da Götzendienst zum Vorschein kam. nennen. Wie wenn einer ein entdecktes Papsttum oder Luthertum schreiben und niit Vorbeilassung des Guten, sowie der allgemein angenommenen Sätze und der Widersprüche gegen Jrrtümer alles ansziehen wollte. was jemals irgend einem der schlechtesten Schriftsteller entfahren, oder was beim Disputieren unter Gelehrten auch nur mündlich einmal gesagt ist?! Was man alsdann den Katholiken schuld geben könnte, daran doch ihre Religion unschuldig ist, weiß ein Jeder: aber gewiß, wir Lutheraner würden ebenso schlecht wegkommen und so wenig im römischen Reiche Duldung verdienen, als die münsterischen Wiedertäufer! u. s. w.