Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1883)
- Date
- 1883-07-01
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969698-2969706--0776-2971210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 146 Horm und Einkleidung zu erhalten suchen, aber ihr Wesen nicht zu schätzen wissen, nicht zu erkennen vermögen. Die Religion ohne Geist, die Gottesverehrung ohne Herz, das ist ein Baum, der keine Wurzel hat, ein Haus, dem die Grundlage fehlt, ein Strom, der von seinem Quell abgeschnitten ist und daher schließlich vertrocknet oder besten Falls versumpft. Es muß Geist, es muß Innigkeit, es muß Gottessinn in der Religion sein, sonst ist sie ein Toter, dem die Geschichte sein Grab bereitet hat. Sind wir dem Geiste der Religion fremd geworden, dann sind die überlieferten Satzungen und Bräuche, an denen wir noch festhalten, nur Leichensteine über ihrem Grabe, ein äußerer Anstrich über einer zusammenbrechenden Mauer, von dem wir mit dem Propheten sagen können: Was soll.die Tünche, die ihr da aufträgt? Werden dadurch die Schäden verbessert, die Risse geheilt, die Lücken ausgefüllt, die Grundlagen wieder hergestellt? Man sage nicht, die Lehre des Judentums sei einmal so beschaffen, daß es seinen Bekennern hauptsächlich und lediglich auf die strenge Beobachtung bestimmter Satzungen ankomme und daß der Glaube, die Gesinnung, das innere religiöse Bewußtsein daneben nur von untergeordnetem Werte sei, denn man würde mit einer solchen Behauptung dem Judentume nicht nur die schwerste Beleidigung anthun, mit der man es überhaupt herabsetzen kann, sondern mit ihr auch'eine Unwahrheit aussprechen, die sich nicht einmal zu widerlegen verlohnt. Wäre es mit unserer. Lehre wirklich nicht anders bestellt, würde sie uns zu nichts Weiterem als zur Übung gewisser Satzungen verpflichten, die durch Herkunft und Alter geheiligt sind, dann müßten ja Herz und Geist, die durch die Religion veredelt werden sollen, da gerade leer ausgehen und der eigentliche Gottessinn, die wahre Menschentugend da gänzlich verkümmern und untergehen. Nein! so schlimm steht es wahrlich nicht mit unserer Lehre und wenn einer an ihr die geistige Hoheit vermißt, so kommt dies nur daher, daß er sie selber nicht besitzt und sie auch in der Religion nicht sucht, nicht haben will. Er nimmt sich da nur heraus, was ihm in die Augen fällt, das, was so recht in die Äußerlichkeit hinaustritt; den innern Geist der Religion, das, was als das Wesentliche zu betrachten ist, das übersieht er und achtet weiter nicht darauf. Über das Gesetz von der Anlegung der Denkriemen und Schaufüden wird er genau Bescheid wissen, — da hat er etwas Handgreifliches, damit kann man Frömmigkeit machen. — Wenn er aber in derselben Thora liest: Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige Euer Gott, was nichts Geringeres bedeutet als: ihr sollt ehrliche, aufrichtige, gute, rechtschaffene, barmherzige Menschen sein und euch zur höchsten Stufe geistiger und sittlicher Vervollkommnung erheben, so weiß er damit nichts anzufangen und läßt das als eine schöne Redensart gelten, über deren Sinn er weiter nicht nachdenkt. Diese mangelhafte Würdigung der Mahnungen, die sich auf unsere Veredlung und Herzensbildung beziehen, birgt aber die größten Gefahren in sich und muß es schließlich dahin bringen, daß im Judentume sein eigentliches Wesen — die Religion — vermißt und hintangesetzt wird. Schon macht es sich nicht blos in Israel selbst, sondern auch nach außen hin fühlbar, daß es uns an dem Gottessinne mangelt, auf dem die sittliche Würde des Menschen beruht, an jener Seelengröße, die das Edle schätzt und das Gemeine verabscheut. Es ist die höchste Zeit, daß wir den Geist der Neligion in unserer Mitte wieder beleben, ihre zerstörten Grundlagen wieder Herstellen, und ihre erhabenen Lehren uns in's Herz pflanzen, auf daß sie da tiefe Wurzel fassen und ein reiches Wachstum an edlen Gesinnungen und Bestrebuugen hervorbringen. Und nicht blos die Stimme der gegenwärtigen Zeit ist es, die uns hierzu mahnt, es ist