Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-06-01 · Heft 6 (1.6.1883) · p. Seite 142

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 6 (1.6.1883)
Date
1883-06-01
Page
Seite 142 (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2969669-2969698-2969705--0771-2971204
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

142 (schmone esre) steht: „Wir danken dir für deine Wunder und deine Güte, die du uns jederzeit Abends und Morgens darbietest!" In einem vor 400 Jahren geschriebenen jüdischen Sittenbuche heißt es ähnlich: Die großen Wunder der Natur vergiß — Ob sie alltäglich auch — nicht zu betrachten: Die Meisten scheinen mehr die Sonnenfinsternis, Als Glanz und Pracht der Sonne zu beachten. Das heiligste und schönste christliche Gebet: das Vater Unser — bewegt sich in durchaus altjüdischer Sprach- und Denkweise, jeder seiner Sätze steht auch heute noch in den jüdischen Gebetbüchern, wie sofort ersichtlich wird, wenn man sie ins Hebräische zurücküberträgt, dem sie offenbar entlehnt sind:' Vater unser, der du bist im Himmel: Owinu achebaacbomajim. Geheiligt werde dein Name: Nekadeach es achimcho. Zu uns komme dein Reich: towau olenu malchuacho. Führe uns nicht in Versuchung: al tewienu lau lide niasojaun. Sondern erlöse vom Übel: Ui im gaualenu mikol ro. Vergieb uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unfern Schuldiger»: Uaper chatoenu kemau schenithchaper kol auasenu ro. Unser tägliches Brot gieb uns heute: Parnesenu .wechalkilenu wethiten lonu lachmenu bechol jaum wojaum. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit: Ui hamalchua achelcho hi oder: Ui lecho adaunoj hamaralueho, hoaya we-hathiphorea meaulom ad hoaulom! Selbst der eifrigste Freund der hebräischen Gebete kann nichts einwenden, wenn das Vaterunser lit die jüdische Liturgie ausgenommen würde. Es steht schon stückweise darin, es ist aus ihr hervorgegangen! An diesen Beispielen zeigt sich, wie gering, wie nebensächlich, wie untergeordnet heutzutage für Gebildete und für Freisinnige die Unterscheidungslehren zwischen Judentum und Christentuin sind, wie sehr ihnen die Hauptsache: die Sittenlehre gemeinsam ist. Im Altertum hatte jede Nationalität ihre Gottheit, ihre Sonderreligion. Solche Nationalkirche spukt auch heute noch in den Köpfen der Hierarchen und Chauvinisten. Schon das alte Judentum erweiterte den von den heidnischen Völkern, den Egyptern, überkommenen Gottesgedanken. Sem Gott war der des Himmels und der Erde, der Gott aller Menschen — wenn auch freilich noch mit dem, uns heutzutage unschmackhaften Zusatz einer besonderen Auserwählung Israels. Das Christentum hat diesen jüdischen Universalgedanken ausgenommen und weiter verbreitet — das ist sein Verdienst, freilich aber auch jenen religiösen Zusatz des Alleinseligmachenden sich angeeignet, ja weiter ausgebildet. Während das talmudische Judentum den Satz aufstellte: die Edlen aller Völker haben Anteil an der zukünftigen Welt — verschloß und verschließt das orthodoxe Christentum dein Juden, ja jedem Ungetauften die Pforten seines Himmels. Über das Judentum und über das Christentum hinaus haben erst die Ideen der neuen Zeit, die Offenbarungen und Prophezeihungen der besten Denker und der edelsten Dichter — vor allen Lessings — den Weg geebnet zu den lichten Höhen der Religion, der die Zukunft gehört: des Humanismus, der Humanität, der aufgeklärten, der verklärten Menschheit. In seiner herrlichen Sittenlehre, in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.