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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1883-06-01 · Heft 6 (1.6.1883) · p. Seite 140

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
3 (1883)
Issue
Heft 6 (1.6.1883)
Date
1883-06-01
Page
Seite 140 (sequence 20)
Language
German
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140 Nach talmudischer ist das Kind einer Jüdin Jude, gleichviel ob die Mutter es noch ist. Hierin stimmen Talmudisten und Antisemiten überein. Die geschichtlich überlieferten — wie der Strenggläubige sagt: offenbarten — Religionen sind für den Juden wie für den Christen abgesteckte Räume, in welchen sich seine reti^ibfe Phantasie ergehen soll und kann. Nicht die freie Wahl, sondern der elterliche Wille — unter Umständen das staatliche Zwangsgesetz — entscheidet über die Zugehörigkeit zu dieser oder jener positiven Religion. Diese äußerliche und formelle Mitgliedschaft wird freilich durch den Namen Jude ähnlich begrenzt, wie durch die Bezeichnung Christ — wenn auch nicht ganz so. Denn, wie gesagt, Juden werden auch noch vielfach die zum Christentum Übergetretenen, namentlich vom Talmud und von den Antisemiten, genannt. Faßt man aber den Begriff der Religion innerlicher und tiefer, vom sittlichen Standpunkte auf, dann bilden weder die Juden, noch die Christen heutzutage noch gesonderte, einander feindlich oder doch gegensätzlich gegenüberstehende, einheitlich gegliederte Religionsorganismen für übereinstimmende religiöse Ueberzeugungen ihrer Mitglieder. Die Sittenlehren beider Religionen sind dieselben, fußen auf einem und demselben Ursprünge — dem jüdischen, wie diesem wieder ältere Quellen zu Grunde liegen. Aber das, was in beiden Religionen — nach Ansicht der Einen göttliche Offenbarung, Geschichte, nach der Anderer heilige Überlieferung, Sage, Symbol, nach Anschauung noch Anderer Mythologie ist — das umschließt ein so weites Gebiet voin felsenfesten Wahnglauben durch die Idylle der Schwärmerei bis zur Nüchternheit klaren Wissens, daß von einer Religionseinheit auf christlichem, katholischem oder protestantischem Gebiet ebensowenig, als auf jüdischem, die Rede sein kann. Der wundergläubige Christ und der wundergläubige Jude stehen sich in diesem Punkte weit näher, als der freisinnige Jude dem orthodoxen Juden, der für gewiß hält, daß Gott dem Moses auf Sinai die Thora oder die Zehngebote offenbart hat, an» Neujahrstage zu Gericht sitzt und Fasten am Versöhnungstage befohlen hat. Und ebenso ist die Gottesanschauung, die Auffassung des Gottesbegriffes, innerhalb jeder der beiden Religionen eine so verschiedenartige, daß man weit eher und weit richtiger sagen kann: der freisinnige Jude und der freisinnige Christ stimmen überein, als daß sämmtliche Juden unter sich oder sämmtliche Christen unter sich hierin je einerlei Sinnes werden könnten. Der Zweck dieser Erörterung ist nicht Polemik, sondern Förderung des Friedens. Dennoch muß es gesagt sein: der Gottesbegriff, wie ihn die christliche Kirche lehrt: die orthodoxe buchstäblich, die freiere Richtung in allerlei Syinbolik aufgelöst, d. i. der Begriff des dreieinigen Gottes als Vater, Sohn, heiliger Geist — der steht allerdings im entschiedensten Gegensatz zum jüdischen Haupt- und Grundsatz: Gott ist einzig, zum Monotheismus. Und dennoch finden sich im Judentum« Anklänge, Urtypen, die auf einen Ursprung des Trinitätsglaubens aus misverstandenen jüdischen Quellen deuten. Der Messias, mesehiach heißt im Hebräischen der Gesalbte und dies Wort ward ins Griechische übersetzt: ■/»w* — Christus. Die Verbindung Gottes mit dem Begriff Vater kehrt im alten Testament oft wieder, z. B. in dem herrlichen, heute gerade so wie sonst von den Scheinfrommen übersehenen und misachteten Satze: Haben wir nicht Alle einen Vater, hat uns nicht Ein Gott erschaffen, warum sind wir treulos Einer wider den Andern? (Maleachi 2, 10). Auch die Verbindung „Sohn Gottes" findet sich schon im alten Judentum. Im zweiten Psalm (V. 7) heißt es: Gott sprach zu mir: Mein Sohn bist du, heut Hab ich dich geboren.

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