Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 3 (1883)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1883)
- Date
- 1883-06-01
- Page
- Seite 139 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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139 hegen, daß weil ihr geschichtlicher Rückblick dunkelerfarbige Strahlen zurückwirst, als der ihrer Mitbürger, sie darum auch im Leben und Hoffen von ihnen abweichen. Mit dem Leben des Volkes erweist es sich ähnlich, wie mit dem der Familie. Auch in der Ehe kommen zwei Personen aus verschiedenen Familien zusammen, jede mit andern Rückerinnerungen. Ja, wie unsre großen Dichter uns so oft und mit Vorliebe geschildert, nicht selten sind es die Sprossen verfeindeter Familien, deren Liebesbund verjährte Verbitterung löst und sühnt. So auch im Volksleben. Die Familien-Traditionen des Mannes und die der Frau können sehr verschiedene sein, ohne die glückliche Ehe zu beeinträchtigen — und umgekehrt, es kann ein Ehepaar, verwandten Kreisen angehörig, trotz der gleichartigsten Familiengeschichte sich unglücklich fühlen. So auch im Volksleben. Nicht die Vergangenheit bindet — nur die Gegenwart: die Gemeinsamkeit im Leben, und die Zukunft —die Übereinstimmung im Hoffen auf bessere Tage. Wie viele der besten deutschen Männer sind Familien entstammt, deren Ahnenkette von französischem, englischem, dänischem Blute bespült war! Und da will inan das rein germanische Geblüt bis auf die Zeiten Armins und Thusneldens zu Kennzeichen des heutigen Deutschtums stempeln? Nein! Deutsch ist, Deutsch denkt und fühlt heute nicht der, dessen Gedanken sich mit Vorliebe in die Ritter- und Raubzeit des Mittelalters versenken, sondern der, welcher auf den Gedankenpfaden wandelt, wie sie Lesiing. Göthe und Schiller, wie sie seit hundert Jahren die größten deutschen Geister und Meister gelichtet. Und von dieser großen Geistersaat an beginnt auch die Zeit, da dem Strome deutscher Bildung und Gesittung das bis dahin künstlich und gewaltsam abgesperrte und eingedämmte Gewässer jüdischen Lebens allmählig zufloß, und seitdem umschließt beide: die sogenannten Urgermanen niit ihrer vielfach schwarzgelockten, und die deutschen Juden mit ihrer vielfach blonden Nachkommenschaft ein Volkstum, ein Volksgedanke: in Leid und Freud der Deutsche. Das hat sich schon in den Freiheitskriegen, das hat sich in dem unvergeßlichen Jahre 1848, in den Kämpfen von 1866 und 1870, das hat sich in der patriotischen Teilnahme der besten und edelsten Deutschen jüdischen Glaubens an den Freiheits¬ und Einheitsbestrebungen Deutschlands bewährt, das zeigt sich in ihrer stetigen Mitarbeit an den allgemeinen Angelegenheiten ihres Vaterlandes, ihrer Vaterstadt, das lehrt bern unbefangenen Blick die Haltung, die Lebensrichtung, die Erziehuugsweise in den Familienkreisen unserer heutigen deutschen Juden, mindestens der Mehrzahl nach. Die Juden in Deutschland sind Deutsche, kein Volk für sich. Aber was sind die Juden denn? Eine Religionsgenossenschaft? Auch das nur zum Teil. In dem Sinne nämlich, in dem man überhaupt heutzutage noch von einheitlichen Religionsgenossenschaften reden kann. Die Religionsgenossenschaften sind - so, will es uns wenigstens in der Gegenwart erscheinen — nicht so naturgemäß und natürlich erwachsen wie die Volksgenossenschaften, sondern mehr künstlich erstanden — Ergebnisse der Erziehungskunst früherer Zeiten. Das Kind eines Deutschen wird bei der Geburt Deutscher — Jude oder Christ wird es erst mit der ceremoniellen Einführung in eine dieser Glaubensgenossenschaften. Mindestens nach heutiger Auffassung- 13*